Montag, 7. Januar 2008

Tiger und Thermometer

Cafe Prückel, Samstagnachmittag.

Ein alter Mann schlurft herein. Vornübergebeugt setzt er langsam und in kleinen Schritten einen Fuß vor den anderen. Neben einem freien Tisch schält er sich mühsam aus seinem langen grauen Mantel. Er lässt sich nieder und bestellt einen Kaffee. Bedächtig schaut er sich um. Bald kommt sein Bekannter, ein Mann um die Fünfzig, der viel redet und sich eine Kanne Tee kommen lässt.
Der alte Mann zeigt ihm ein Thermometer, das er sich gerade gekauft hat. Der Begleiter nimmt es, zieht es aus der Plastikhülle, wendet es. Dann taucht er es in seine Teekanne. Er will prüfen, ob es das Thermometer zerreißt. Das Thermometer zerreißt es. Der alte Mann schaut betroffen.
Der jüngere Mann ruft die Kellnerin und erklärt ihr die Lage. „Mir ist da was passiert. Ich wollte das Thermometer hochjagen und habe es in den Tee getunkt. Schütten Sie ihn am besten sofort weg. Denn da ist Quecksilber drin, und das ist giftig. Die Kanne schmeißen Sie am besten auch gleich weg. Und mir bringen’s bitte einen neuen Tee.“ Die Kellnerin nimmt die Kanne, geht ohne Wort weg, unbeeindruckt.
Der alte Mann bricht auf. Sein Begleiter hilft ihm in den Mantel. „Sie hatten doch mal so einen schönen Pelzmantel“, sagt er zum alten Mann. „Wo haben’s den?“ Der ist kaputtgegangen.
Der alte Mann schlurft raus. Ohne Pelzmantel, ohne Thermometer.



Cafe Moskva, Helsinki, ein Uhr nachts.

In Finnland ist es manchmal seltsam. Das zeigt Aki Kaurismäki in seinen Filmen ja auch (übrigens ist einer seiner wundervollen Schauspieler, der aus „Der Mann ohne Vergangenheit“, gerade erst 51-jährig gestorben).
Der erste Finne, den ich vor Jahren kennengelernt habe, hat mir erzählt: „Wir Finnen reden nicht viel. Wenn wir zusammenkommen, sitzen wir da, schweigen und trinken. Und dann fangen wir an zu weinen.“
Und dann ist da noch dieses geduldige Warten. Die Leute stehen in der Nacht an der Straße und warten auf ein Taxi. Dabei bilden sie eine geordnete Schlange, das ist das Seltsame daran. Zuvor kann es im Cafe Moskva – wo zwei Frauen und ein Mann am Tisch sitzen, trinken und die anderen Gäste betrachten – zu solchen Gesprächen kommen:
Sie: Die hat Tiger auf ihrem Leiberl.
Er: Ja. Die hat Tiger auf dem Leiberl.
Sie: Sag ich ja.
Er: Eh.
Sie: Aber ich hab’s zuerst gesagt.
Er: Ja eh.
Sie 2 schaltet sich ein: Ich find Tiger super.

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