Selbstverständlich schaue ich mir jedes EM-Match an. So auch Österreich-Polen. Doch in dem Wiener polnischen Lokal sind nur meine Schwester und ich für Polen. Alle anderen zittern für Österreich. Dafür bekomme ich eine polnische Fahne umgehängt. Doch gegen Mitte der ersten Halbzeit kann ich nicht anders: Ich richte meine Sympathie auf die Österreicher. Sie tun mir einfach leid. Meine Schwester wiederum kann den Schwenk nicht fassen, beschimpft mich auf Deutsch und Polnisch. Hätte ich die polnische Staatsbürgerschaft noch, würde sie sie mir aberkennen. Meine Fahne aber darf ich behalten.
Nach dem Match ist das Lokal plötzlich voll. Zwei polnische Fans wanken herein, sie haben versucht, sich das Unentschieden schönzutrinken. Einer verschwindet wieder, der andere baggert mich an. Als der Verschwundene wieder auftaucht, ist der Baggerer weg. Dafür weiß der erste nun nicht, wo er schlafen soll. Ich nicke mitfühlend. Ganz schön tragisch.
Dann versuchen zwei Österreich-Fans ins Gespräch zu kommen. Doch sie sind entsetzt, als sie erkennen müssen, dass die Polin eine Polin ist. Und dann verkünden sie ihre Erkenntnis des Tages: „Es gibt wichtigeres als Sex“, finden sie. „Fußball.“ Stimmt. Doch Männer, die sich für Sex nicht interessieren, interessieren uns nicht. Als die Burschen das vernehmen, ziehen sie ab.
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Freitag, 13. Juni 2008
Montag, 7. Januar 2008
Heimatlose Bettnässer
H. sagt, wenn zwei Frauen gemeinsam weggehen, dann um Typen aufzureißen. Stimmt nicht. Sie wollen sich unterhalten. Dass ihnen dann Typen über den Weg laufen, nehmen sie in Kauf. Manchmal nehmen sie sie auch mit.
Die Menschen, die von Lokal zu Lokal ziehen und nicht heimfinden, nennt H. heimatlose Bettnässer. Das stimmt. Aber manche mögen’s so. Ich gehöre sogar dazu. Nicht jeder hat mit 30 Jahren Frau oder Mann, zwei Kinder und einen Hund im gerade auf Kredit gekauften Eigenheim sitzen, zu denen er oder sie nach der Arbeit eilen will. Andererseits wäre das Leben auch nicht ärmer ohne so manche Unterhaltung, die in Lokalen geführt wird.
Da sitzt du zum Beispiel an der Bar im „Europa“ (und du brauchst keine zweite Frau, um Typen aufzureißen), trinkst in Ruhe dein Bier und auf einmal bist du flankiert von zwei Männern. Zu deiner Linken platziert sich der „Ich arbeite bei einer Versicherung, aber es gefällt mir eigentlich nicht so gut dort“-Typ; zu deiner Rechten sitzt ein Student, der dich um Zigaretten anschnorrt (er armer Student, du arbeitende Frau, also kein Problem). Beide sind sympathisch. Der eine schwärmt von deinen grünen Augen – die sind zwar blau, aber schieben wir es auf die spärliche Beleuchtung. Der andere erklärt dir, wie interessant ältere Frauen sind. Du bist zwar 33 und nicht 53, du lächelst dennoch altersmilde.
Und dann wollen beide den Rivalen loswerden. Sie flüstern dir die Frage ins Ohr, was du eigentlich von dem anderen Typen willst.
Es reicht. Du gehst. Nice try, Burschen. Aber diesmal nicht.
Die Menschen, die von Lokal zu Lokal ziehen und nicht heimfinden, nennt H. heimatlose Bettnässer. Das stimmt. Aber manche mögen’s so. Ich gehöre sogar dazu. Nicht jeder hat mit 30 Jahren Frau oder Mann, zwei Kinder und einen Hund im gerade auf Kredit gekauften Eigenheim sitzen, zu denen er oder sie nach der Arbeit eilen will. Andererseits wäre das Leben auch nicht ärmer ohne so manche Unterhaltung, die in Lokalen geführt wird.
Da sitzt du zum Beispiel an der Bar im „Europa“ (und du brauchst keine zweite Frau, um Typen aufzureißen), trinkst in Ruhe dein Bier und auf einmal bist du flankiert von zwei Männern. Zu deiner Linken platziert sich der „Ich arbeite bei einer Versicherung, aber es gefällt mir eigentlich nicht so gut dort“-Typ; zu deiner Rechten sitzt ein Student, der dich um Zigaretten anschnorrt (er armer Student, du arbeitende Frau, also kein Problem). Beide sind sympathisch. Der eine schwärmt von deinen grünen Augen – die sind zwar blau, aber schieben wir es auf die spärliche Beleuchtung. Der andere erklärt dir, wie interessant ältere Frauen sind. Du bist zwar 33 und nicht 53, du lächelst dennoch altersmilde.
Und dann wollen beide den Rivalen loswerden. Sie flüstern dir die Frage ins Ohr, was du eigentlich von dem anderen Typen willst.
Es reicht. Du gehst. Nice try, Burschen. Aber diesmal nicht.
„Na, so allein hier?“
„Du hast es gut“, sagen Männer. „Du bist eine Frau.“ Das sagen sie nur, wenn es um Aufrisse geht. Einkommensunterschiede hin, Geschlechterrollen her – als Frau kannst du leichter einen Mann aufreißen als Männer eine Frau aufreißen können. Undenkbar, dass ein Mann macht, was eine Frau machen kann: Augenkontakt aufnehmen, dann zu dem Typen hingehen und in ironischem Ton fragen: „Na, so allein hier?“
Oder ein Getränk spendieren: Es kommt einfach besser, wenn eine Frau den Barkeeper beauftragt, einen Drink über den Tresen wandern zu lassen als wenn es ein Mann macht. Das gleiche gilt, wenn es die Frau ist, die einem Mann nach einer halben Stunde Eingangsgeplänkel in die Augen schaut und fragt: „Zu dir oder zu mir?“
So machen sich Männer viel mehr Gedanken über den perfekten Anmach-Spruch als Frauen. Ein Bekannter hat die Lösung für sich gefunden. „Der beste Spruch“, behauptet er, „ist noch immer der einfachste. Du gehst hin und sagst Hallo.“ Einverstanden, nur muss dann auch etwas Intelligentes nachkommen.
Oder ein Getränk spendieren: Es kommt einfach besser, wenn eine Frau den Barkeeper beauftragt, einen Drink über den Tresen wandern zu lassen als wenn es ein Mann macht. Das gleiche gilt, wenn es die Frau ist, die einem Mann nach einer halben Stunde Eingangsgeplänkel in die Augen schaut und fragt: „Zu dir oder zu mir?“
So machen sich Männer viel mehr Gedanken über den perfekten Anmach-Spruch als Frauen. Ein Bekannter hat die Lösung für sich gefunden. „Der beste Spruch“, behauptet er, „ist noch immer der einfachste. Du gehst hin und sagst Hallo.“ Einverstanden, nur muss dann auch etwas Intelligentes nachkommen.
Tiger und Thermometer
Cafe Prückel, Samstagnachmittag.
Ein alter Mann schlurft herein. Vornübergebeugt setzt er langsam und in kleinen Schritten einen Fuß vor den anderen. Neben einem freien Tisch schält er sich mühsam aus seinem langen grauen Mantel. Er lässt sich nieder und bestellt einen Kaffee. Bedächtig schaut er sich um. Bald kommt sein Bekannter, ein Mann um die Fünfzig, der viel redet und sich eine Kanne Tee kommen lässt.
Der alte Mann zeigt ihm ein Thermometer, das er sich gerade gekauft hat. Der Begleiter nimmt es, zieht es aus der Plastikhülle, wendet es. Dann taucht er es in seine Teekanne. Er will prüfen, ob es das Thermometer zerreißt. Das Thermometer zerreißt es. Der alte Mann schaut betroffen.
Der jüngere Mann ruft die Kellnerin und erklärt ihr die Lage. „Mir ist da was passiert. Ich wollte das Thermometer hochjagen und habe es in den Tee getunkt. Schütten Sie ihn am besten sofort weg. Denn da ist Quecksilber drin, und das ist giftig. Die Kanne schmeißen Sie am besten auch gleich weg. Und mir bringen’s bitte einen neuen Tee.“ Die Kellnerin nimmt die Kanne, geht ohne Wort weg, unbeeindruckt.
Der alte Mann bricht auf. Sein Begleiter hilft ihm in den Mantel. „Sie hatten doch mal so einen schönen Pelzmantel“, sagt er zum alten Mann. „Wo haben’s den?“ Der ist kaputtgegangen.
Der alte Mann schlurft raus. Ohne Pelzmantel, ohne Thermometer.
Cafe Moskva, Helsinki, ein Uhr nachts.
In Finnland ist es manchmal seltsam. Das zeigt Aki Kaurismäki in seinen Filmen ja auch (übrigens ist einer seiner wundervollen Schauspieler, der aus „Der Mann ohne Vergangenheit“, gerade erst 51-jährig gestorben).
Der erste Finne, den ich vor Jahren kennengelernt habe, hat mir erzählt: „Wir Finnen reden nicht viel. Wenn wir zusammenkommen, sitzen wir da, schweigen und trinken. Und dann fangen wir an zu weinen.“
Und dann ist da noch dieses geduldige Warten. Die Leute stehen in der Nacht an der Straße und warten auf ein Taxi. Dabei bilden sie eine geordnete Schlange, das ist das Seltsame daran. Zuvor kann es im Cafe Moskva – wo zwei Frauen und ein Mann am Tisch sitzen, trinken und die anderen Gäste betrachten – zu solchen Gesprächen kommen:
Sie: Die hat Tiger auf ihrem Leiberl.
Er: Ja. Die hat Tiger auf dem Leiberl.
Sie: Sag ich ja.
Er: Eh.
Sie: Aber ich hab’s zuerst gesagt.
Er: Ja eh.
Sie 2 schaltet sich ein: Ich find Tiger super.
Ein alter Mann schlurft herein. Vornübergebeugt setzt er langsam und in kleinen Schritten einen Fuß vor den anderen. Neben einem freien Tisch schält er sich mühsam aus seinem langen grauen Mantel. Er lässt sich nieder und bestellt einen Kaffee. Bedächtig schaut er sich um. Bald kommt sein Bekannter, ein Mann um die Fünfzig, der viel redet und sich eine Kanne Tee kommen lässt.
Der alte Mann zeigt ihm ein Thermometer, das er sich gerade gekauft hat. Der Begleiter nimmt es, zieht es aus der Plastikhülle, wendet es. Dann taucht er es in seine Teekanne. Er will prüfen, ob es das Thermometer zerreißt. Das Thermometer zerreißt es. Der alte Mann schaut betroffen.
Der jüngere Mann ruft die Kellnerin und erklärt ihr die Lage. „Mir ist da was passiert. Ich wollte das Thermometer hochjagen und habe es in den Tee getunkt. Schütten Sie ihn am besten sofort weg. Denn da ist Quecksilber drin, und das ist giftig. Die Kanne schmeißen Sie am besten auch gleich weg. Und mir bringen’s bitte einen neuen Tee.“ Die Kellnerin nimmt die Kanne, geht ohne Wort weg, unbeeindruckt.
Der alte Mann bricht auf. Sein Begleiter hilft ihm in den Mantel. „Sie hatten doch mal so einen schönen Pelzmantel“, sagt er zum alten Mann. „Wo haben’s den?“ Der ist kaputtgegangen.
Der alte Mann schlurft raus. Ohne Pelzmantel, ohne Thermometer.
Cafe Moskva, Helsinki, ein Uhr nachts.
In Finnland ist es manchmal seltsam. Das zeigt Aki Kaurismäki in seinen Filmen ja auch (übrigens ist einer seiner wundervollen Schauspieler, der aus „Der Mann ohne Vergangenheit“, gerade erst 51-jährig gestorben).
Der erste Finne, den ich vor Jahren kennengelernt habe, hat mir erzählt: „Wir Finnen reden nicht viel. Wenn wir zusammenkommen, sitzen wir da, schweigen und trinken. Und dann fangen wir an zu weinen.“
Und dann ist da noch dieses geduldige Warten. Die Leute stehen in der Nacht an der Straße und warten auf ein Taxi. Dabei bilden sie eine geordnete Schlange, das ist das Seltsame daran. Zuvor kann es im Cafe Moskva – wo zwei Frauen und ein Mann am Tisch sitzen, trinken und die anderen Gäste betrachten – zu solchen Gesprächen kommen:
Sie: Die hat Tiger auf ihrem Leiberl.
Er: Ja. Die hat Tiger auf dem Leiberl.
Sie: Sag ich ja.
Er: Eh.
Sie: Aber ich hab’s zuerst gesagt.
Er: Ja eh.
Sie 2 schaltet sich ein: Ich find Tiger super.
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