Ob ich es auch spüre? Mit B., dem der Esoterik nahe stehenden Klarinettisten, sitze ich in einem der Lokale rund um Tünel, der den Abschluss der Istiklal Caddesi bildet. Diese Gegend habe ungeheuer viel Energie, erklärt mir B. Hier tue sich auch sehr viel. (Das habe ich nach einem nicht unbedingt an Schlaf reichen Monat im Kneipenviertel von Beyoglu auch schon bemerkt.) Seit tausenden von Jahren wollten die Menschen sich hier ansiedeln, kämpften miteinander um den Platz. Hier haben die Europäer ihre Häuser gebaut, die Griechen ihre Kirchen errichtet, die Juden und Armenier ihre Geschäfte eröffnet. Damit können die meisten türkischen Einwanderer von heute – und es sind derer so viele, dass ein Istanbuler Politiker einmal halb im Scherz laut über Visa für die Stadt nachgedacht hat – nichts anfangen, meint B. Sie spüren es nicht.
Es ist aber auch viel verlorengegangen. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches, im Zuge des wachsenden und geschürten türkischen Nationalbewusstseins, nach den Vertreibungen vieler Griechen hat auch Istanbul einiges an kultureller Vielfalt eingebüßt. Die Kirchen werden kaum gepflegt; die Häuser, in die arme Familien aus dem Osten eingezogen sind, verfallen. Und noch etwas bedauert B.: den Verlust für die Literatur durch die Umstellung auf das lateinische Alphabet (für die ich persönlich Atatürk äußerst dankbar bin). Die alte Sprachmelodie lasse sich nicht so einfach übertragen; viele osmanische Werke seien gar nicht ins Türkische übersetzt worden. „Im Westen habt ihr eine Kontinuität, eine Entwicklung in der Literaturgeschichte“, sagt B. „Bei uns hat es einen Bruch gegeben. Wir haben keinen Dostojewski, und Schriftsteller wie Pamuk gibt es erst seit einigen Jahren. Unsere jetzige Literatur blickt gerade einmal auf 70 Jahre zurück.“
Da ist es wieder, dieses „hüzün“-Gefühl. Die Melancholie, die auch Orhan Pamuk beschreibt, verspüren nicht nur ältere sondern auch 28-jährige Istanbuler wie B. Es ist diese leise Trauer ob des Verlustes eines prächtigen Reiches, einer wie verzauberten Stadt, die mittlerweile zu einer Metropole mit vielleicht 20 Millionen Einwohnern angeschwollen ist. Es ist das Bedauern darüber, dass der frühere Glanz für immer verlorengegangen ist, dass der alte Charme nicht mehr zu finden ist und stattdessen die Vernachlässigung überall sichtbar wird.
Das könnten Wiener genauso gut verspüren, wenn sie die kaiserlichen Bauten am Ring betrachten. Oder die Warschauer, die ihre Stadt nach 1945 komplett neu aufbauen mussten. Wie so viele andere Orte in Europa wurden diese beiden Städte nach den Morden und Vertreibungen im Zweiten Weltkrieg nie wieder so wie früher.
Dennoch scheint das „hüzün“-Gefühl sich am Bosporus besser entfalten zu können. Es gehört zum „Echter-Istanbuler“-Sein dazu.
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Sonntag, 18. Mai 2008
Ein Sonntag am Fluss
Das Büfe gegenüber, der Kiosk, wo es neben Zeitungen und Zigaretten auch Käse, Milch und Süßigkeiten zu kaufen gibt, kennt keinen Ruhetag. Ob Montag oder Samstag: Bis in die Morgenstunden steht der Besitzer hinter der Theke und manchmal vor der Tür. Auch der weißbärtige Schuhputzer ums Eck sitzt jeden Tag auf seinem wackeligen Schemel und poliert seinen Kunden die Schuhe. Dennoch scheint sich das Tempo in Beyoglu an einem Sonntag zu verlangsamen. Die Frisörläden füllen sich mit Männern, die sich um einen Euro rasieren lassen. Die nassen Handtücher trocknen auf Wäscheständern auf dem Gehsteig. Der Duft von Rasierwasser vermischt sich mit dem Gestank des Mülls, der unter den Hauseingang eines verlassenen Gebäudes gekehrt wurde. Vor den Teehäusern sitzen 50-Jährige auf Kindersesseln (wie A. die niedrigen Hocker nennt) und lesen die Sonntagszeitung. Auf der Istiklal Caddesi flanieren händchenhaltende Pärchen und laut lachende Teenager.
Ein guter Tag, um an den Bosporus zu gehen, dachte ich mir. Ein Spaziergang am Ufer entlang, ein wenig Grün, Vogelgezwischer und so weiter. Das war der Plan. Den hatte allerdings nicht nur ich gefasst. Hunderttausende Menschen zieht es am Wochenende an den Bosporus. Die Energie, die die laute pulsierende Stadt raubt, gibt der Fluss wieder zurück. Familien packen ihre Picknickkörbe und machen eine Bosporus-Fahrt oder steigen ins Auto und suchen ein Plätzchen, um den Grill aufzustellen. Oder sie marschieren zu den paar Stellen, die den Blick auf den Fluss freigeben. Denn eine längere Uferpromenade gibt es zwischen Besiktas und Ortaköy auf der europäischen Seite nicht. So dränge ich mich mit all den tausenden anderen Menschen auf den Gehsteigen links und rechts der vierspurigen Straße, auf der die Autos im Stau stecken und hupen. Auf der einen Seite eine meterhohe Betonwand, hinter der sich Paläste verstecken. Auf der anderen Seite eingezäunte Grünflächen, die sich den Hügel rauf ziehen und militärisches Sperrgebiet oder versperrtes Universitätsgelände sind. Auf dem Gehsteig ein Hürdenlauf: den spärlich gesetzten Bäumen und Entgegenkommenden ausweichen, die Langsam-Spaziergeher überholen. Eine Stunde geht es so dahin, denn auch auf den Gehsteigen bildet sich Stau.
Endlich kommt Ortaköy, der kleine Stadtteil rund um die barocke Moschee, der sich im Schatten der Hängebrücke über den Bosporus duckt. Auf der Piazza vor der Fähranlegestelle scheuchen die vorbeiziehenden Menschen die Tauben auf. Die Eintreiber vor den zahlreichen Lokalen preisen die Terrassen an, die in den engen Häusern über steile Treppen zu erklimmen sind. Und dann sitzt du dort und beobachtest, wie Yachten, Ausflugsboote, Containerschiffe und Tanker ihre in der untergehenden Sonne schimmernden Spuren durch den Bosporus ziehen. Auf der gegenüberliegenden asiatischen Seite gehen die ersten Lichter an. Die Dämmerung sinkt auf die Stadt. Und in der Nacht verwandelt sich Istanbul in ein blinkendes Lichtermeer, das durch die dunkle Schleife des Bosporus geteilt wird. Die Hängebrücke, die Europa und Asien verbindet, erstrahlt in Dutzenden Farben: Die Lampen wechseln von Rot zu Grün, zu Blau, zu Violett. Wie eine Perlenkette mit unzähligen senkrecht fallenden Schnüren schwebt das beleuchtete Brückengeländer über dem Fluss.
Ein guter Tag, um an den Bosporus zu gehen, dachte ich mir. Ein Spaziergang am Ufer entlang, ein wenig Grün, Vogelgezwischer und so weiter. Das war der Plan. Den hatte allerdings nicht nur ich gefasst. Hunderttausende Menschen zieht es am Wochenende an den Bosporus. Die Energie, die die laute pulsierende Stadt raubt, gibt der Fluss wieder zurück. Familien packen ihre Picknickkörbe und machen eine Bosporus-Fahrt oder steigen ins Auto und suchen ein Plätzchen, um den Grill aufzustellen. Oder sie marschieren zu den paar Stellen, die den Blick auf den Fluss freigeben. Denn eine längere Uferpromenade gibt es zwischen Besiktas und Ortaköy auf der europäischen Seite nicht. So dränge ich mich mit all den tausenden anderen Menschen auf den Gehsteigen links und rechts der vierspurigen Straße, auf der die Autos im Stau stecken und hupen. Auf der einen Seite eine meterhohe Betonwand, hinter der sich Paläste verstecken. Auf der anderen Seite eingezäunte Grünflächen, die sich den Hügel rauf ziehen und militärisches Sperrgebiet oder versperrtes Universitätsgelände sind. Auf dem Gehsteig ein Hürdenlauf: den spärlich gesetzten Bäumen und Entgegenkommenden ausweichen, die Langsam-Spaziergeher überholen. Eine Stunde geht es so dahin, denn auch auf den Gehsteigen bildet sich Stau.
Endlich kommt Ortaköy, der kleine Stadtteil rund um die barocke Moschee, der sich im Schatten der Hängebrücke über den Bosporus duckt. Auf der Piazza vor der Fähranlegestelle scheuchen die vorbeiziehenden Menschen die Tauben auf. Die Eintreiber vor den zahlreichen Lokalen preisen die Terrassen an, die in den engen Häusern über steile Treppen zu erklimmen sind. Und dann sitzt du dort und beobachtest, wie Yachten, Ausflugsboote, Containerschiffe und Tanker ihre in der untergehenden Sonne schimmernden Spuren durch den Bosporus ziehen. Auf der gegenüberliegenden asiatischen Seite gehen die ersten Lichter an. Die Dämmerung sinkt auf die Stadt. Und in der Nacht verwandelt sich Istanbul in ein blinkendes Lichtermeer, das durch die dunkle Schleife des Bosporus geteilt wird. Die Hängebrücke, die Europa und Asien verbindet, erstrahlt in Dutzenden Farben: Die Lampen wechseln von Rot zu Grün, zu Blau, zu Violett. Wie eine Perlenkette mit unzähligen senkrecht fallenden Schnüren schwebt das beleuchtete Brückengeländer über dem Fluss.
Türkische Maenner und auslaendische Frauen
Neben den politischen und wirtschaftlichen Aspekten gibt es da noch eine Frage, die mich beschäftigt: Warum glauben so viele türkische Männer, dass die meisten Ausländerinnen Schlampen sind? A. hat eine interessante Theorie entwickelt: Im Harem des Sultans waren viele Sklavinnen zu finden. Doch muslimische Frauen durften nicht versklavt werden, also waren es zum Beispiel Griechinnen. Vielleicht rührt das sexuelle Interesse an Ausländerinnen noch aus der Zeit? Doch A. ist eine Frau, und daher ist ihre Erklärung eine rationale. Um die – nennen wir’s – Emotionen zu ergründen, habe ich eine kleine Umfrage unter türkischen Männern gestartet.
O., ein Architekt, der sich eine Ukrainerin zur Frau genommen hat (die seit ihrer Ankunft in Istanbul ziemlich unglücklich ist, weil sie bei seinen Eltern wohnen muss und alleine so gut wie gar nicht außer Haus gehen soll), findet: „Mit Ausländerinnen ist es leichter. Türkische Frauen sind komplizierter: Wir geben alles für sie, und sie erhören uns nicht.“ Heißt das, Ausländerinnen seien leichter zu haben? Nein, nein, so habe er das nicht gemeint, dementiert O. Türkische Männer stieren Frauen halt an.
S., der in einer Bank arbeitet, sieht die fehlende Bildung als Ursache. Wenn die Menschen gebildeter sind, Bücher lesen, ins Kino gehen, reisen und mehr kennenlernen als ihre kleine Welt, dann entwickeln sie auch ein normaleres Verhältnis zu Leuten aus anderen Ländern. Und kurze Zeit später legt S., der Bücher liest, ins Kino geht und reist, mir seine Hand auf den Oberschenkel.
B. wiederum, ein Musiker mit Hang zu Esoterik, erklärt mir, dass ich schon selber wie eine türkische Frau klinge. Ich würde nämlich ebenfalls so viel hinterfragen, obwohl doch den Menschen etwas mehr Naivität gut tun würde. Dann aber versucht B. doch, eine Antwort auf meine Frage zu finden. Türken hätten teilweise einen Sexualkomplex, sagt er. Einerseits mühen sie sich, westliche Muster anzunehmen, auf der anderen Seite aber sind sie in alten Strukturen gefangen. Sie wollen, können aber nicht so, wie sie möchten. Außerdem war in der osmanischen Zeit Vielweiberei gang und gäbe. Das wirke noch fort. Ist zwar keine Entschuldigung, würde aber A.s historische Theorie unterstützen.
M. jedoch, ein Kellner, der seine Berufung in der Schauspielerei sieht und „nur übergangsweise“ in einer Bar arbeitet, meint, es sei gar nicht so. Keinesfalls würden Ausländerinnen alle als Schlampen angesehen. Dann schaut er mir tief in die Augen und fragt, ob ich mit zu ihm komme.
O., ein Architekt, der sich eine Ukrainerin zur Frau genommen hat (die seit ihrer Ankunft in Istanbul ziemlich unglücklich ist, weil sie bei seinen Eltern wohnen muss und alleine so gut wie gar nicht außer Haus gehen soll), findet: „Mit Ausländerinnen ist es leichter. Türkische Frauen sind komplizierter: Wir geben alles für sie, und sie erhören uns nicht.“ Heißt das, Ausländerinnen seien leichter zu haben? Nein, nein, so habe er das nicht gemeint, dementiert O. Türkische Männer stieren Frauen halt an.
S., der in einer Bank arbeitet, sieht die fehlende Bildung als Ursache. Wenn die Menschen gebildeter sind, Bücher lesen, ins Kino gehen, reisen und mehr kennenlernen als ihre kleine Welt, dann entwickeln sie auch ein normaleres Verhältnis zu Leuten aus anderen Ländern. Und kurze Zeit später legt S., der Bücher liest, ins Kino geht und reist, mir seine Hand auf den Oberschenkel.
B. wiederum, ein Musiker mit Hang zu Esoterik, erklärt mir, dass ich schon selber wie eine türkische Frau klinge. Ich würde nämlich ebenfalls so viel hinterfragen, obwohl doch den Menschen etwas mehr Naivität gut tun würde. Dann aber versucht B. doch, eine Antwort auf meine Frage zu finden. Türken hätten teilweise einen Sexualkomplex, sagt er. Einerseits mühen sie sich, westliche Muster anzunehmen, auf der anderen Seite aber sind sie in alten Strukturen gefangen. Sie wollen, können aber nicht so, wie sie möchten. Außerdem war in der osmanischen Zeit Vielweiberei gang und gäbe. Das wirke noch fort. Ist zwar keine Entschuldigung, würde aber A.s historische Theorie unterstützen.
M. jedoch, ein Kellner, der seine Berufung in der Schauspielerei sieht und „nur übergangsweise“ in einer Bar arbeitet, meint, es sei gar nicht so. Keinesfalls würden Ausländerinnen alle als Schlampen angesehen. Dann schaut er mir tief in die Augen und fragt, ob ich mit zu ihm komme.
Auf dem Heimweg
Gedränge auf der Fähre nach Kadiköy. Es ist halb sieben abends, ein Wochentag, die Menschen fahren von der Arbeit heim, auf die asiatische Seite. Die langen Holzbänke auf dem offenen Oberdeck sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meisten Reisenden sind ermüdet, sie haben vielleicht noch einen langen Weg vor sich. In Kadiköy besteigen sie einen der Busse oder Minibusse und fahren noch eine Dreiviertelstunde in eine der Hochhaussiedlungen, die auf den Hügeln südlich des Bosporus eilig hochgezogen wurden. Dort ist es ruhiger als auf der europäischen Seite, weniger gedrängt, grüner. Dort haben sich auch mehr Migranten aus Ostanatolien angesiedelt, haben ihre vom Patriarchat geprägten Strukturen mitgebracht und ihre Kopftuch tragenden Frauen nachgeholt. Doch finden sich dort auch schicke Viertel wie Kadiköy selbst, mit seinen zahlreichen Lokalen, eleganten Einkaufsstraßen und dem am Mittelmeer gelegenen Park, in dem sich im Schatten der Nacht Liebespaare küssen.
Für die Menschen auf der Fähre ist die Überquerung des Bosporus der tägliche Weg, in die Arbeit und dann wieder nach Hause. Was sie dabei sehen, übt für die meisten keine Faszination mehr aus. Gleichgültig gleitet das Auge an der Silhouette Istanbuls vorbei, am Stadtteil Beyoglu mit dem markanten Galata-Turm, an der Landesspitze mit dem weitläufigen Topkapi-Palast, hinter dem sich Hagia Sophia und Sultanahmet-Moschee erheben, an den Tankern, die auf die Überfahrt warten.
Die Stadt hat so viele nicht wegen ihrer Sehenswürdigkeiten angezogen, sondern wegen der Arbeitsmöglichkeiten. Die Banken, die Unternehmen, die ausländischen Vertretungen haben ihren Sitz in Istanbul. Menschen, die ihr Geld in Lokalen ausgeben wollen, brauchen Kellner, Köche und Sänger. Die haben in der Woche nur selten mehr als einen freien Tag, und ein Arbeitstag hat leicht 12 Stunden. Das Mindestgehalt in der Türkei beträgt an die 230 Euro, davon ist eine Wohnung in Istanbul kaum zu haben. Die Menschen weichen auf die asiatische Seite aus, wo die Unterkünfte billiger sind. In den noblen Vierteln auf der europäischen Seite kostet allein die Miete im Monat so viel wie ein kurdischer Muschelverkäufer in einem halben Jahr verdient. Bis spät in die Nacht steht der Mann a einem Straßeneck an der Istiklal Caddesi, bietet dem durch die Lokale ziehenden jungen Publikum die mit einer Reispaste gefüllten Muscheln an. Wenn ein Grüppchen stehen bleibt, sucht er ein paar Muscheln aus, öffnet sie, beträufelt sie mit Zitrone, reicht eine nach der anderen seinen Kunden, die gleich essen, zahlen und ins nächste Beisl gehen. Erst um drei, vielleicht vier Uhr nachts räumt der Verkäufer zusammen, nimmt das riesige Blechtablett vom hölzernen Ständer, klappt diesen zusammen, klemmt ihn unter den Arm und macht sich auf seinen Heimweg.
Für die Menschen auf der Fähre ist die Überquerung des Bosporus der tägliche Weg, in die Arbeit und dann wieder nach Hause. Was sie dabei sehen, übt für die meisten keine Faszination mehr aus. Gleichgültig gleitet das Auge an der Silhouette Istanbuls vorbei, am Stadtteil Beyoglu mit dem markanten Galata-Turm, an der Landesspitze mit dem weitläufigen Topkapi-Palast, hinter dem sich Hagia Sophia und Sultanahmet-Moschee erheben, an den Tankern, die auf die Überfahrt warten.
Die Stadt hat so viele nicht wegen ihrer Sehenswürdigkeiten angezogen, sondern wegen der Arbeitsmöglichkeiten. Die Banken, die Unternehmen, die ausländischen Vertretungen haben ihren Sitz in Istanbul. Menschen, die ihr Geld in Lokalen ausgeben wollen, brauchen Kellner, Köche und Sänger. Die haben in der Woche nur selten mehr als einen freien Tag, und ein Arbeitstag hat leicht 12 Stunden. Das Mindestgehalt in der Türkei beträgt an die 230 Euro, davon ist eine Wohnung in Istanbul kaum zu haben. Die Menschen weichen auf die asiatische Seite aus, wo die Unterkünfte billiger sind. In den noblen Vierteln auf der europäischen Seite kostet allein die Miete im Monat so viel wie ein kurdischer Muschelverkäufer in einem halben Jahr verdient. Bis spät in die Nacht steht der Mann a einem Straßeneck an der Istiklal Caddesi, bietet dem durch die Lokale ziehenden jungen Publikum die mit einer Reispaste gefüllten Muscheln an. Wenn ein Grüppchen stehen bleibt, sucht er ein paar Muscheln aus, öffnet sie, beträufelt sie mit Zitrone, reicht eine nach der anderen seinen Kunden, die gleich essen, zahlen und ins nächste Beisl gehen. Erst um drei, vielleicht vier Uhr nachts räumt der Verkäufer zusammen, nimmt das riesige Blechtablett vom hölzernen Ständer, klappt diesen zusammen, klemmt ihn unter den Arm und macht sich auf seinen Heimweg.
Donnerstag, 1. Mai 2008
Mit Gasmasken zur Arbeit
Am 1. Mai nehmen Kameraleute und Pressefotografen Gasmasken mit zur Arbeit. Denn da gibt’s in Istanbul Wickel. Demonstrationen auf dem zentralen Taksim-Platz sind verboten. 1977 wurden dort bei der Mai-Kundgebung 35 Menschen getötet, durch Schüsse aus einem der umliegenden Hotels und zu Tode getrampelt in der danach entstandenen Panik. Drei Jahre später, nach einem Militärcoup, wurde der 1. Mai als Feiertag abgeschafft. Das Tauziehen zwischen den Gewerkschaften und der Regierung um den 1. Mai währt seit damals; der Kampf um den Taksim-Platz hat sich in den vergangenen Jahren verschärft.
Die Gewerkschaften haben angekündigt, trotz Verbot mit hunderttausenden Menschen zum Taksim-Platz zu ziehen. 30.000 Polizisten stehen dort bereit. Der sonst verkehrsumtoste Platz, zu dem sechsspurige Straßen führen, ist abgeriegelt; keine Autos, keine Menschen werden durchgelassen. In Autobussen und teils in Flugzeugen wurden die Polizisten dort hingekarrt. Sie tragen Helme und panzerartige Westen, die Gasmasken und Gummiknüppel halten sie bereit. Auf der Istiklal Caddesi, wo sonst von Taksim aus ein Meer an Köpfen zu sehen ist, haben sie mehrere Blockaden aufgebaut. In den Kaffeehäusern und Kiosken sind die Rollos runtergelassen. Die Tischchen vor den Lokalen sind verschwunden. Polizeihubschrauber kreisen über der Stadt.
Obwohl die Gewerkschaften am späten Vormittag – nachdem die Polizei eine Demonstration in einem anderen Stadtteil mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst hat – ihren Plan aufgeben, zum Taksim-Platz zu ziehen, versuchen einzelne Gruppen durchzudringen. In einer der engen Gassen, die zur Istiklal führen, formieren sie sich. Es sind großteils junge Menschen. Knapp vor der Istiklal entrollen sie ein rotes Transparent und beginnen zu skandieren. Ein paar Jugendliche auf der Istiklal applaudieren. Einer hebt einen Stein vom Boden auf, zerschlägt ihn in zwei Hälften, steckt sie in die Hosentaschen. Sekunden später – die Gruppe ist auf der Istiklal angelangt – fliegen Flaschen und Steine auf die umliegenden Gebäude, der nächstgelegene Polizeitrupp hat sich in Bewegung gesetzt, ich spüre das Tränengas. Mit einem Fotografen ducke ich mich in einem Hauseingang. Die Bewohner lugen hinter der verschlossenen Haustür hervor. Auf einmal rennt ein Grüppchen von Menschen an uns vorbei, einige flüchten in das danebengelegene Kaffeehaus. Die Gäste dort lassen die Tür offen, damit die Menschen reinkönnen. Doch dahinter rollen schon die Polizisten heran. Sie rauschen an uns vorbei, und ich frage mich, ob ich auch Prügel abbekomme, weil die Gummiknüppel völlig wahllos zuschlagen. Einige Polizisten stürmen in das Kaffee, treiben die Menschen auf die Straße, packen einige am Kragen, schlagen um sich. Ein Mann, dem das Blut über die Stirn rinnt, stolpert, kniet auf dem Boden. Ein Polizist drischt weiter mehrmals auf ihn ein, auf die Brust, den Rücken. Eine junge Frau schreit und weint; ein Kameramann läuft zu ihr hin, um eine Großaufnahme von ihrem Gesicht zu machen. Sie wendet sich ab, schreit ihn an. Mehrmals hebt das Gebrüll der Polizisten und Demonstranten an, schwillt wieder ab. Mehrmals laufen noch Menschengruppen hustend und mit verschwollenen Gesichtern durch die Gassen vor den Tränengas-Schwaden davon.
Am späten Nachmittag erst ziehen die Demonstranten und Polizisten ab und die Flanierenden in die Istiklal wieder ein. Am Abend ist die gläserne Front von Benetton, die Steine fast zertrümmert hätten, wieder repariert. Die Polizei soll an diesem Tag 1700 Tränengasbomben verbraucht haben.
Die Gewerkschaften haben angekündigt, trotz Verbot mit hunderttausenden Menschen zum Taksim-Platz zu ziehen. 30.000 Polizisten stehen dort bereit. Der sonst verkehrsumtoste Platz, zu dem sechsspurige Straßen führen, ist abgeriegelt; keine Autos, keine Menschen werden durchgelassen. In Autobussen und teils in Flugzeugen wurden die Polizisten dort hingekarrt. Sie tragen Helme und panzerartige Westen, die Gasmasken und Gummiknüppel halten sie bereit. Auf der Istiklal Caddesi, wo sonst von Taksim aus ein Meer an Köpfen zu sehen ist, haben sie mehrere Blockaden aufgebaut. In den Kaffeehäusern und Kiosken sind die Rollos runtergelassen. Die Tischchen vor den Lokalen sind verschwunden. Polizeihubschrauber kreisen über der Stadt.
Obwohl die Gewerkschaften am späten Vormittag – nachdem die Polizei eine Demonstration in einem anderen Stadtteil mit Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst hat – ihren Plan aufgeben, zum Taksim-Platz zu ziehen, versuchen einzelne Gruppen durchzudringen. In einer der engen Gassen, die zur Istiklal führen, formieren sie sich. Es sind großteils junge Menschen. Knapp vor der Istiklal entrollen sie ein rotes Transparent und beginnen zu skandieren. Ein paar Jugendliche auf der Istiklal applaudieren. Einer hebt einen Stein vom Boden auf, zerschlägt ihn in zwei Hälften, steckt sie in die Hosentaschen. Sekunden später – die Gruppe ist auf der Istiklal angelangt – fliegen Flaschen und Steine auf die umliegenden Gebäude, der nächstgelegene Polizeitrupp hat sich in Bewegung gesetzt, ich spüre das Tränengas. Mit einem Fotografen ducke ich mich in einem Hauseingang. Die Bewohner lugen hinter der verschlossenen Haustür hervor. Auf einmal rennt ein Grüppchen von Menschen an uns vorbei, einige flüchten in das danebengelegene Kaffeehaus. Die Gäste dort lassen die Tür offen, damit die Menschen reinkönnen. Doch dahinter rollen schon die Polizisten heran. Sie rauschen an uns vorbei, und ich frage mich, ob ich auch Prügel abbekomme, weil die Gummiknüppel völlig wahllos zuschlagen. Einige Polizisten stürmen in das Kaffee, treiben die Menschen auf die Straße, packen einige am Kragen, schlagen um sich. Ein Mann, dem das Blut über die Stirn rinnt, stolpert, kniet auf dem Boden. Ein Polizist drischt weiter mehrmals auf ihn ein, auf die Brust, den Rücken. Eine junge Frau schreit und weint; ein Kameramann läuft zu ihr hin, um eine Großaufnahme von ihrem Gesicht zu machen. Sie wendet sich ab, schreit ihn an. Mehrmals hebt das Gebrüll der Polizisten und Demonstranten an, schwillt wieder ab. Mehrmals laufen noch Menschengruppen hustend und mit verschwollenen Gesichtern durch die Gassen vor den Tränengas-Schwaden davon.
Am späten Nachmittag erst ziehen die Demonstranten und Polizisten ab und die Flanierenden in die Istiklal wieder ein. Am Abend ist die gläserne Front von Benetton, die Steine fast zertrümmert hätten, wieder repariert. Die Polizei soll an diesem Tag 1700 Tränengasbomben verbraucht haben.
Montag, 28. April 2008
FUSSBALL!
Selten entspricht das Klischee der Realität, doch bei der Fußballleidenschaft in der Türkei ist es der Fall. Es ist tatsächlich so: Die Treue zu einem Verein gleicht einem Glaubensbekenntnis. Ob Besiktas-, Galatasaray- oder Fenerbahce-Fan; es ist ein Teil der eigenen Identität. Und wenn zwei dieser Istanbuler Teams gegeneinander antreten, herrscht Ausnahmezustand in der Stadt. So auch beim gestrigen Superliga-Spiel, als Galatasaray Spitzenreiter Fenerbahce herausforderte. Schon am frühen Nachmittag füllen sich die Straßen mit Menschen, die ihre Sympathie nach außen tragen. In der Fußgängerzone der Istiklal Caddesi, wo auch das mächtige Galatasaray-Gymnasium steht, überwiegen die Fans der Löwen. Die gelb-roten Schals und Trikots leuchten von weitem. Auch die Kellner in den Cafes rund um den Taksim-Platz haben sie bereits angelegt. Nur eine Kellnerin bildet eine Ausnahme: Sie trägt ein gelb-dunkelblaues Band um den Hals; sie hält zu Fenerbahce. Vor den Wettannahmestellen bilden sich Schlangen. Im Hotel werde ich gebeten, den Tisch aus meinem Zimmer herzuborgen: Im Restaurant und in der Lobby werden alle vorhandenen Tische für das abendliche Publikum vor dem Fernseher zusammengestellt. Auf dem Taksim-Platz postieren sich mehrere Polizei-Einheiten und Wagen des Roten Halbmondes.
Die Lokale verdienen doppelt: Sie verlangen Eintritt. Der kostet zehn Lira, fast so viel wie drei Bier. Du zahlst also Eintritt, damit du mit anderen Verrückten in einem schäbigen Beisl vor einem Fernseher – die Plätze vor dem Großbildschirm sind schon alle besetzt – hocken und dir den Hals verrenken kannst, weil du neben einer Säule sitzt und ausgerechnet jetzt einer der wenigen Türken auftaucht, der größer ist als du und sich prompt vor dich setzt. Und dann kommt das übliche Schreien, Stöhnen und Seufzen bei einem Match, nur halt etwas lauter und von in die Höhe schellenden Armen begleitet. Auf das Tor für Galatasaray in der 37. Minute folgt minutenlanger Jubel. Es bleibt beim eins zu null.
Nach Ende des Spiels leert sich das Lokal innerhalb von fünf Minuten. Aber die Menschen gehen keinesfalls zufrieden heim, doch nicht nach einem Sieg! Eine halbe Stunde später zieht eine Gruppe Galatasaray-Fans durch die Istiklal Caddesi, schwenkt Fahnen, schlägt Trommeln. Der Gesang schwillt an, gelb-rot weht durch die Straße. Auf einmal hockelt sich eine Gruppe nieder, einer schreit etwas vor, die anderen schreien es nach. Bald stehen sie wieder auf, und der Triumphzug setzt sich erneut in Bewegung.
2002, nach dem Einzug der türkischen Nationalmannschaft ins WM-Halbfinale, hat es sieben Tote gegeben. Sie wurden von Autokonvois durchgeknallter Fans überrollt. Zwei Dutzend Menschen wurden verletzt, weil sie Freudenschüssen im Weg gestanden waren.
Das Superliga-Spiel forderte diesmal keine Todesopfer.
Die Lokale verdienen doppelt: Sie verlangen Eintritt. Der kostet zehn Lira, fast so viel wie drei Bier. Du zahlst also Eintritt, damit du mit anderen Verrückten in einem schäbigen Beisl vor einem Fernseher – die Plätze vor dem Großbildschirm sind schon alle besetzt – hocken und dir den Hals verrenken kannst, weil du neben einer Säule sitzt und ausgerechnet jetzt einer der wenigen Türken auftaucht, der größer ist als du und sich prompt vor dich setzt. Und dann kommt das übliche Schreien, Stöhnen und Seufzen bei einem Match, nur halt etwas lauter und von in die Höhe schellenden Armen begleitet. Auf das Tor für Galatasaray in der 37. Minute folgt minutenlanger Jubel. Es bleibt beim eins zu null.
Nach Ende des Spiels leert sich das Lokal innerhalb von fünf Minuten. Aber die Menschen gehen keinesfalls zufrieden heim, doch nicht nach einem Sieg! Eine halbe Stunde später zieht eine Gruppe Galatasaray-Fans durch die Istiklal Caddesi, schwenkt Fahnen, schlägt Trommeln. Der Gesang schwillt an, gelb-rot weht durch die Straße. Auf einmal hockelt sich eine Gruppe nieder, einer schreit etwas vor, die anderen schreien es nach. Bald stehen sie wieder auf, und der Triumphzug setzt sich erneut in Bewegung.
2002, nach dem Einzug der türkischen Nationalmannschaft ins WM-Halbfinale, hat es sieben Tote gegeben. Sie wurden von Autokonvois durchgeknallter Fans überrollt. Zwei Dutzend Menschen wurden verletzt, weil sie Freudenschüssen im Weg gestanden waren.
Das Superliga-Spiel forderte diesmal keine Todesopfer.
Mittwoch, 23. April 2008
Ein Alltag
Wenn ich in der Früh auf den Balkon hinaustrete, steht der Mann, der in der Schneiderei gegenüber arbeitet, bald am Fenster und winkt mir zu. Es ist heiß in dem Raum, in dem ein Dutzend Männer an irgendwelchen Maschinen steht. Mein Fensterbekannter trägt daher leider nur ein Unterhemd über der Hose. Letztens hat er mir über die Straße eine Tasche angeboten. Zum Kauf? Als Geschenk? Keine Ahnung.
Mein geliebter türk kahvesi kostet manchmal mehr als das ganze Frühstück davor. Im übrigen lässt es sich in Istanbul sehr billig essen, wenn jemandem ein Imbissstand a la Würstelbude genügt. Dafür kostet der Eintritt in eine Disco das Zehnfache einer solchen Mahlzeit.
In einem Innenhof hat ein Buchhaendler alte Taschenbücher auf einem Gestell vor seinem Laden drapiert. Eine Katze hat sich einen besonders sonnigen Stapel ausgesucht. Sie hat sich zusammengerollt und schlaeft auf den Büchern.
Mit meiner chinesischen Kurskollegin gehe ich auf einen Kaffee. Sie trinkt Cola, ich trinke Bier. Wir unterhalten uns auf Türkisch, und da unser Wortschatz sehr eingeschränkt ist, sprechen wir über das, was wir in einfache Worte fassen können: über Männer. Da habe es schon ein paar gegeben, sagt G. Und, ja, es gebe durchaus hübsche Türken in Istanbul. Aber jetzt schaue sie nur einen an. G. ist erst seit wenigen Monaten verheiratet. Ihr Mann ist Ujgure und nach Istanbul wegen seiner Weiterbildung gekommen. Sie hat ihn beim Arzt kennengelernt: Er war der Arzt.
Soviel verstehe ich schon: „Ist sie allein gekommen?“ fragt ein Kellner den anderen im Restaurant. Ich will einfach nur in Ruhe zu Abend essen. Doch die Menschen sind meist zu freundlich, um das zu erlauben. Daher erkläre ich, woher ich komme und was ich hier mache. Und schon bietet sich der nächste Kellner an, mir Nachhilfeunterricht zu geben. In Türkisch.
Die Möwen, die in der Nacht über Istanbul fliegen, strahlen. Sie sind von den Lichtern der Stadt beleuchtet.
Mein geliebter türk kahvesi kostet manchmal mehr als das ganze Frühstück davor. Im übrigen lässt es sich in Istanbul sehr billig essen, wenn jemandem ein Imbissstand a la Würstelbude genügt. Dafür kostet der Eintritt in eine Disco das Zehnfache einer solchen Mahlzeit.
In einem Innenhof hat ein Buchhaendler alte Taschenbücher auf einem Gestell vor seinem Laden drapiert. Eine Katze hat sich einen besonders sonnigen Stapel ausgesucht. Sie hat sich zusammengerollt und schlaeft auf den Büchern.
Mit meiner chinesischen Kurskollegin gehe ich auf einen Kaffee. Sie trinkt Cola, ich trinke Bier. Wir unterhalten uns auf Türkisch, und da unser Wortschatz sehr eingeschränkt ist, sprechen wir über das, was wir in einfache Worte fassen können: über Männer. Da habe es schon ein paar gegeben, sagt G. Und, ja, es gebe durchaus hübsche Türken in Istanbul. Aber jetzt schaue sie nur einen an. G. ist erst seit wenigen Monaten verheiratet. Ihr Mann ist Ujgure und nach Istanbul wegen seiner Weiterbildung gekommen. Sie hat ihn beim Arzt kennengelernt: Er war der Arzt.
Soviel verstehe ich schon: „Ist sie allein gekommen?“ fragt ein Kellner den anderen im Restaurant. Ich will einfach nur in Ruhe zu Abend essen. Doch die Menschen sind meist zu freundlich, um das zu erlauben. Daher erkläre ich, woher ich komme und was ich hier mache. Und schon bietet sich der nächste Kellner an, mir Nachhilfeunterricht zu geben. In Türkisch.
Die Möwen, die in der Nacht über Istanbul fliegen, strahlen. Sie sind von den Lichtern der Stadt beleuchtet.
Vier Polizisten in Zivil
S. erzählt mir von ihren Erfahrungen mit Polizeigewalt in Istanbul. Es war während des vergangenen Ramazan – muss also irgendwann im September gewesen sein. Mit zwei Freundinnen war sie um vier in der Nacht mit dem Taxi unterwegs nach Hause. Auf einmal hielt ein Polizeiauto den Wagen an. Zwei Polizisten stiegen aus, verlangten von den jungen Frauen einen Ausweis. Sie haben das Recht dazu. Doch die Bürger wiederum haben das Recht, den Beamten zu sagen, sie sollen sich selbst ausweisen. Das taten die Frauen doch glatt. Leichte Verärgerung bei den Polizisten, dann zeigte einer einen Ausweis, verdeckte dabei aber sowohl Namen als auch Foto. „Wir wollen den ganzen Ausweis sehen“, forderte S. „Wir sind in Uniform, fahren einen Polizeiwagen. Das muss euch genügen“, war die schon sehr ungeduldige Antwort. Auf einmal hielt ein anderes Auto an, vier Männer stiegen aus, erfassten die Situation schnell. Und handelten: Sie fingen an, die Frauen zu beschimpfen, sie zu stoßen und gegen das Taxi zu werfen. Der Taxifahrer versuchte zu vermitteln, eine von S.s Freundinnen wollte die Polizei rufen. Denn die, die da war, tat nichts. Schließlich wurden die Frauen ins Taxi gestoßen und konnten fahren. Wie sich dann herausstellte, waren die Angreifer ebenfalls Polizisten – in Zivil. Anscheinend wollten sie ihren Kollegen „zu Hilfe“ kommen, nachdem sie gesehen hatten, dass sonst nichts gegen die Frauen vorliegt. Das sagte S. ein Anwalt, den die Freundinnen kurz danach konsultierten. Machen lasse sich allerdings gegen die Polizisten nichts, erklärte er. Die Frauen hätten ja keinen medizinisch bestätigten Schaden davongetragen.
Musik, Melancholie und die Folgen
Bei der Musik gibt es gar keine andere Möglichkeit: Du musst dich verlieben. Selbstverständlich unglücklich – und jeden zweiten Tag in jemand anderen (nur jeden zweiten? fragt H. am Telefon). Denn die Auswahl ist groß. Die erste Leidenschaft in Istanbul war Powertürk selbst. Das könnte ich mir schon zum Frühstück reinziehen. Der Musikkanal ist voll der wehmütigen Weisen, die meist von Liebe handeln, die alles mögliche ist: Berge versetzend, Meere überwindend, den Schlaf raubend, heftig, stark, ewig – aber meist nicht erfüllt und manchmal nicht einmal erwidert. Zum Pulsadern aufschneiden, wie es ein spanischer Kurzzeit-Bekannter formulierte. Er konnte den türkischen Pop nicht ausstehen. Ich aber kann dem durchaus etwas abgewinnen. Da gibt es zum Beispiel ein Musikvideo von Tarkan, in Schwarz-Weiß gehalten, wo der Mann im halb aufgeknöpften Hemd im Regen steht. Der rinnt ihm wasserfallartig über den Kopf, die ausgebreiteten Arme, über die Brust. Dann steht er hinter einem verregneten Fenster und singt schmachtend. Ich bin nicht sicher, an wen sich das Video tatsächlich richtet, wahrscheinlich sollen aber Frauen angesprochen werden. Wie auch immer, die Melancholie hängt in der Luft. Doch anders als jene von Orhan Pamuk beschriebene, die vom Wehmut über den Verlust eines strahlenden Reiches geprägte, ist diese Melancholie von Sexuellem durchtränkt. Die Männer schauen dir tief in die Augen, flöten dir blumige Texte ins Ohr. Haben sie die aus den Musikvideos gelernt oder den türkischen Schnulzenfilmen der 70er-Jahre? Die Frauen sehen umwerfend aus, mit ihren schwarzen Haaren, dunklen Augen und ihrem selbstbewussten Auftreten. Die Männer begrüßen einander mit Küssen, die Frauen fallen einander in die Arme, alle werfen sich Kosenamen wie – frei übersetzt – „mein Lebenshauch“ oder „mein Herz“ zu. In Beyoglu sind die in der Nacht Herumziehenden zu einem wesentlichen Teil jung, hübsch und vergnügungssüchtig. Mithineingezogen zu werden ist nicht schwierig. Ich kann quasi gar nichts dafür...
Ein Parkplatz!
Parken um Mitternacht in Beyoglu: Zumindest für die Zuseher ist es interessant. Die engen Gassen sind voller Menschen, die auf der Suche nach dem für sie passenden Lokal sind. Trotzdem schaffen es die Autofahrer noch, ihre Gefährte langsam dazwischen zu bewegen, um dann links und rechts der bevölkerten Fahrbahn zu parken. Die Spiegel sind eingeklappt, zwischen der Hausmauer und der Autotür ist nur etwas mehr als eine Handbreit Platz. Jemand hat noch eine Lücke entdeckt. Doch auf einmal ist ein Problem da: Der Wagen kann sich nicht mehr bewegen. Er ist eingeklemmt. Hinter ihm sind plötzlich zwei Autos; vor ihm, aus der Gegenrichtung in der einzigen Fahrspur kommend, drei. Der Besitzer des Dönerladens, der sowieso meist auf der Straße steht, ist sofort zur Hilfe bereit. Er versucht, das auf der Straße eingeklemmte Auto irgendwie zu dirigieren. Der Friseur vom Geschäft nebenan gibt den nachfolgenden Wagen Zeichen. Ein Junge, der gerade vorbeikommt, ruft den Lenkern, die von der Gegenrichtung kommen, etwas zu. Zwei Fahrer steigen aus, beraten kurz. Ein paar andere Menschen schauen zu. Ein Auto schiebt zwanzig Zentimeter zurück, ein anderes fährt 30 Zentimeter nach rechts. Der Parkplatzsuchende fährt mit Mühe in die Lücke an der Hausmauer. Zwischen ihr und dem Wagen könnte nicht einmal mehr eine der streunenden Katzen hindurchschlüpfen. Ein Fahrer schiebt noch mehr zurück, ein anderer kann vorbeifahren; alles geschieht unter lauten Zurufen des Publikums. Irgendwie löst sich der kleine Stau auf, irgendwann – so wie immer in Istanbul.
Freitag, 11. April 2008
Philosophie zum Bier
Philosophie ist für einen Muslim nichts gutes, befand einst ein islamischer Gelehrter. Kein Wunder, dass sich auf diesem Gebiet in den letzten paar hundert Jahren mehr in Europa getan hat als im islamischen Raum. Mein neuer Bekannter U., der mir das erklärt, wirft gleich ein paar Namen dazu: Descartes, Hobbes oder Kant etwa. Wir sitzen bei einem Bier in der menschenumtosten Nevizade-Straße und sind vom Kellner schon zweimal umgesetzt worden, weil in dem winzigen Schanigarten Platz für eine größere Gruppe zu schaffen war.
U. ist ein entzückender junger Mann, der Philosophie studiert hat, sich jetzt aber mehr mit Wirtschaft beschäftigt, als Sportjournalist arbeitet und seine Freizeit – im Normalfall – gern mit seinen Eltern sowie Geschwistern verbringt. Sein Studium habe ihn von der Religion entfernt, sagt er. Er sei zwar weiterhin Muslim, aber kein strenger, fast schon an der Grenze zum Atheismus. „Muslim ja, aber…“ ist im übrigen in der Türkei immer wieder zu hören, vor allem in den Städten, wo nicht nur Arm und Reich aufeinanderprallen sondern auch verschiedene Volksgruppen mit ihren Kulturen, Jugendliche aber gleichzeitig den Stars in den Musikvideos mehr abschauen als traditionelleren Vorbildern. U. ist ein hübsches Beispiel für die Durchmischung in dem Land. Sein Vater ist Kurde, seine Mutter kommt aus Aserbaidschan. Doch selbst er sagt voller Überzeugung: „Von Minderheiten in der Türkei zu sprechen ist Blödsinn. Wir sind doch alle Türken.“ Diese Ein-Staat-ein-Volk-Ideologie wird den Kindern ab ihrem ersten Schuljahr vermittelt. Sie soll das Einigende in einem Land sein, das auf der Suche nach seiner Identität seit 80 Jahren zwischen Ost und West schwankt; das sich die – keinesfalls von allen gewünschte – „Verwestlichung“ auf die Fahnen geschrieben hat. Sie ist eine Philosophierichtung für sich.
U. ist ein entzückender junger Mann, der Philosophie studiert hat, sich jetzt aber mehr mit Wirtschaft beschäftigt, als Sportjournalist arbeitet und seine Freizeit – im Normalfall – gern mit seinen Eltern sowie Geschwistern verbringt. Sein Studium habe ihn von der Religion entfernt, sagt er. Er sei zwar weiterhin Muslim, aber kein strenger, fast schon an der Grenze zum Atheismus. „Muslim ja, aber…“ ist im übrigen in der Türkei immer wieder zu hören, vor allem in den Städten, wo nicht nur Arm und Reich aufeinanderprallen sondern auch verschiedene Volksgruppen mit ihren Kulturen, Jugendliche aber gleichzeitig den Stars in den Musikvideos mehr abschauen als traditionelleren Vorbildern. U. ist ein hübsches Beispiel für die Durchmischung in dem Land. Sein Vater ist Kurde, seine Mutter kommt aus Aserbaidschan. Doch selbst er sagt voller Überzeugung: „Von Minderheiten in der Türkei zu sprechen ist Blödsinn. Wir sind doch alle Türken.“ Diese Ein-Staat-ein-Volk-Ideologie wird den Kindern ab ihrem ersten Schuljahr vermittelt. Sie soll das Einigende in einem Land sein, das auf der Suche nach seiner Identität seit 80 Jahren zwischen Ost und West schwankt; das sich die – keinesfalls von allen gewünschte – „Verwestlichung“ auf die Fahnen geschrieben hat. Sie ist eine Philosophierichtung für sich.
Zimmer mit Ausblick
Der Ausblick hat mich blind für alles andere gemacht. Von dem winzigen Balkon aus ist halb Istanbul zu sehen, fast bis zum Bosporus. Das Häusermeer ist auf der einen Seite, auf der anderen schaue ich vom fünften Stock in die engen Gassen von Beyoglu hinunter. Ich sehe die gelben Taxis, die sich in der Nacht mitten auf der Straße zu einer Schlange auffädeln; die kleinen Geschäfte, die Getränke und Zigaretten, Reinigungsmittel oder noch warmes Weißbrot verkaufen; die Straßenhändler, die ihre Handkarren schieben; die Lokale vor denen niedrige Tischchen stehen und die Menschen, die untertags vorbeieilen und am Abend herumschlendern. Auch das Zimmer ist nett mit seiner Dachschräge und in warme Farben getaucht. Und es ist sauber. Nach all den Absteigen, die ich gesehen habe und die schon für zehn Euro die Nacht zu haben sind, stört es mich kaum, dass die Duschkabinentür mir vielleicht bald entgegenfliegt oder der Vorhang etwas zerrissen ist. Das mit dem Schlafen habe ich mir sowieso schon abgeschminkt, vom Zimmer neben der Baustelle bin ich halt mitten ins Weggeh-Viertel gezogen. Immerhin wird das Gehupe um vier in der Nacht etwas weniger; bleiben dann drei, vier Stunden, bevor es wieder voll losgeht.
Allerdings habe ich schon drei Mitbewohner getötet: zwei Ameisen und eine Schabe. Dass es eine Schabe war, nehme ich zumindest an. Diese Frage diskutierte ich in der Nacht mit dem Patron des Hotels, der mit einer Wow-Blondine auf einen Whiskey vorbeigekommen ist. Selbstverständlich sprachen wir türkisch. Zuerst erklärte ich ihm in fluent turkish, dass im Zimmer „Leben“ ist. Dann erinnerte ich mich an das Vokabel für „Tiergarten“. „Hayat“ und „Hayvanat“ liegen ja wirklich nahe zusammen. Danach bückte ich mich und zeigte mit den Fingern auf dem Boden Schritte an. Schließlich zeichnete ich das Tier in meinem Lehrbuch auf. Die Begleiterin des Patrons hat viel schneller begriffen als er. Am Ende klärten wir noch ab, welche Farbe das Insekt hatte: braun, nicht schwarz. Danach waren wir alle sehr zufrieden, dass wir uns so gut verstanden haben und rauchten eine letzte Zigarette. Das muss doch reichen.
Allerdings habe ich schon drei Mitbewohner getötet: zwei Ameisen und eine Schabe. Dass es eine Schabe war, nehme ich zumindest an. Diese Frage diskutierte ich in der Nacht mit dem Patron des Hotels, der mit einer Wow-Blondine auf einen Whiskey vorbeigekommen ist. Selbstverständlich sprachen wir türkisch. Zuerst erklärte ich ihm in fluent turkish, dass im Zimmer „Leben“ ist. Dann erinnerte ich mich an das Vokabel für „Tiergarten“. „Hayat“ und „Hayvanat“ liegen ja wirklich nahe zusammen. Danach bückte ich mich und zeigte mit den Fingern auf dem Boden Schritte an. Schließlich zeichnete ich das Tier in meinem Lehrbuch auf. Die Begleiterin des Patrons hat viel schneller begriffen als er. Am Ende klärten wir noch ab, welche Farbe das Insekt hatte: braun, nicht schwarz. Danach waren wir alle sehr zufrieden, dass wir uns so gut verstanden haben und rauchten eine letzte Zigarette. Das muss doch reichen.
Zu viele "ü"
Sprachunterricht zu geben muss ziemlich nervenaufreibend sein. Zu viert sitzen wir Neslihan gegenüber, die sich unser Gestammel anhört. „Ütülülüjejeüjüejiüjü“ jammern wir. Rauskommen soll: „Ütüleyeyim mi?“ und „ütülemeyelim“ – „Soll ich bügeln?“ und „Lasst uns nicht bügeln.“ Intensiv sollte es ja sein. Aber gleich so? Im Türkisch-Kurs wird tatsächlich nur Türkisch gesprochen. Neben mir nehmen noch eine Ukrainerin, eine Russin und eine Chinesin am Unterricht teil. Sie alle sind nach Istanbul gezogen, weil ihre Männer hier Arbeit angenommen haben. In den Pausen sprechen die Ukrainerin und die Russin miteinander russisch, die Chinesin und ich lächeln einander an, versuchen es mit türkisch und kehren dann zum lächeln zurück. Am dritten Tag habe ich allerdings ein Erfolgserlebnis: Ich warte vor dem besetzten Klo, eine andere Frau kommt dazu. Ihre Frage verstehe ich – und das auf Anhieb: „Warten Sie?“ Ich nicke glücklich.
Sonntag, 6. April 2008
Reden über Politik
„Du bist allein? Setz dich zu uns!“ Als Frau allein in Ruhe ein Bier zu trinken, ist auch in Istanbul nicht immer einfach. Schon sitzt du an einem Tisch mit drei Sportjournalisten und der eine erklärt dir, wie nett dich der andere findet. Um abzulenken, kannst du von Fußball reden – oder von Politik. Bei beiden Themen wallen die Gefühle auf. Das erste ist durchaus positiv und mit Stolz durchtränkt: Immerhin hat das Istanbuler Team Fenerbahce erst vor wenigen Tagen Chelsea geschlagen. Bei der Politik aber – uffuffuff, wie manche Türken seufzen. Die drei Männer sind Kemalisten, und auch darauf verweisen sie mit Stolz. „Wenn du an die Türkei denkst: Welcher große Name fällt dir als erster ein?“ fragt C. Und antwortet gleich selbst: Mustafa Kemal Atatürk. Für den würde er sein Leben hingeben, sagt er. C. ist 26 Jahre alt, und er würde für Atatürk sterben. Der Republikgründer ist seit 70 Jahren tot, aber weiterhin allgegenwärtig – nicht nur deswegen, weil sein Porträt in allen öffentlichen Räumen zu sehen ist sowie auf allen Geldmünzen und –scheinen prangt. An seiner Person werden auch unzählige politische Debatten aufgehängt. Für manche Kemalisten ist dabei die Argumentation recht einfach: Sie hüten die Prinzipien von Säkularismus und Modernisierung, wie es Atatürk aufgetragen hat. Sie formulieren es auch so. Die regierende Partei AKP hingegen verrät diese Leitlinien. Das Kopftuch-Verbot an Universitäten soll fallen? „Das ist für uns absolut unakzeptabel“, stellt C. klar. „Wir sind nicht der Iran“, fügt U. hinzu. „Wir werden das nicht zulassen.“
U. hat auch eine Erklärung dafür, warum fast die Hälfte der Türken die AKP gewählt hat. „Die Leute sind wie Schafe. Sie folgen dem, der sie ruft. Viele haben keine Bildung, noch dazu sind ihre Stimmen gekauft.“
A. hat sich während der Diskussion stark aufs Biertrinken konzentriert und will die Debatte abschließen: „Scheiß auf die Politik.“ Ein Lokalwechsel steht an.
U. hat auch eine Erklärung dafür, warum fast die Hälfte der Türken die AKP gewählt hat. „Die Leute sind wie Schafe. Sie folgen dem, der sie ruft. Viele haben keine Bildung, noch dazu sind ihre Stimmen gekauft.“
A. hat sich während der Diskussion stark aufs Biertrinken konzentriert und will die Debatte abschließen: „Scheiß auf die Politik.“ Ein Lokalwechsel steht an.
Die naechstgelegene Baustelle
Schlafen ist in Istanbul zum Abgewöhnen. Nicht nur wegen der Lokale, der kleinen Kneipen und feinen Clubs, die es unmöglich machen einfach am Abend heimzugehen, selbst wenn der beste Vorsatz da ist. Nicht nur wegen des Verkehrslärms und des Gehupes, das schon so früh beginnt, dass es verwunderlich ist, wie viele Menschen schon wach sind. Auch wegen der Bauarbeiten. Die können gar kein Ende nehmen in einer Stadt, die ständig wächst. Die nächstgelegene Baustelle ist fünf Meter von meinem Hotelzimmer entfernt. Ein altes Gebäude wurde abgerissen, ein neues muss her. Gebaggert wird auch in der Samstagnacht, um Mitternacht, um eins, um zwei. Das Schürfen in der Erde, das Piepsen des zurücksetzenden Lkw, die Schreie an den Fahrer „Gel, gel!“ – „Komm!“: Es ist unentwegt zu hören.
Am Sonntag Vormittag ist die Baustelle eine der größeren Attraktionen in den umliegenden zwei, drei Gassen. Ein halbes Dutzend Männer sieht den Arbeiten zu, raucht Zigaretten, kommentiert. Ein Page aus einem der umliegenden Hotels steht in seiner rotgoldenen Uniform vor einem Steinhaufen. Einer aus dem Publikum hilft ein paar Bretter über die Baustelle zu tragen, ein anderer legt mit Hand an, um die schwere Plastikplane zu befestigen, die über den mit Erde befüllten Lkw gelegt wird. Auf einmal fängt es an zu nieseln. Behäbig gehen die Männer auseinander, ohne Eile schlendern sie weiter, die Hände in den Hosentaschen. Die kleinen Teehäuser füllen sich.
Am Sonntag Vormittag ist die Baustelle eine der größeren Attraktionen in den umliegenden zwei, drei Gassen. Ein halbes Dutzend Männer sieht den Arbeiten zu, raucht Zigaretten, kommentiert. Ein Page aus einem der umliegenden Hotels steht in seiner rotgoldenen Uniform vor einem Steinhaufen. Einer aus dem Publikum hilft ein paar Bretter über die Baustelle zu tragen, ein anderer legt mit Hand an, um die schwere Plastikplane zu befestigen, die über den mit Erde befüllten Lkw gelegt wird. Auf einmal fängt es an zu nieseln. Behäbig gehen die Männer auseinander, ohne Eile schlendern sie weiter, die Hände in den Hosentaschen. Die kleinen Teehäuser füllen sich.
Nicht kommunizieren geht nicht
Diese Stadt ist nicht zu fassen. Istanbul, der Kosmos mit seinen 15, vielleicht auch 20 Millionen Einwohnern, mit seinen osmanischen Legenden, seinen Verfallserscheinungen und dem gierigen Wachstum, den Klischees rund um den Orientexpress und die Hippies, die in den 60er-Jahren hier auf ihrem Weg nach Indien Halt machten. Im Grunde ist es aber auch eine Ansammlung vieler Städtchen und vieler kleiner Geschichten. Und gäbe es eine Steigerungsform von unmöglich, wäre es in Istanbul unmöglicher nicht zu kommunizieren als in vielen anderen Städten.
Wie in einem Dorf, wo sich ebenfalls viel Leben auf der Straße abspielt, ist es in den einzelnen Vierteln so gut wie ausgeschlossen, keinem Freund, Cousin oder Kollegen zu begegnen. Die Zeitungslektüre vor dem Teehaus wird für eine Plauderei unterbrochen, der Gehilfe wird ums Eck zum Zigarettenholen geschickt.
Die Anonymität der Großstadt ist in den gläsernen Geschäftsvierteln zu finden, aber auch dort kann es vorkommen, dass durch die Straßen eilende Geschäftsleute stehen bleiben, weil sie einen Bekannten getroffen haben. Ein „Merhaba“, ein Hallo und kurzes Händeschütteln reicht da nicht, ein paar Sätze muss man schon wechseln.
Im Stadtteil Sultanahmet – das viele Reisende nicht einmal verlassen, weil dort Sehenswürdigkeiten wie die Hagia Sophia oder der Große Bazar sind – gibt es vor den Lokalen eigene Kommunikationsbeauftragte. Sie sollen Touristen dazu bringen, in das Restaurant reinzukommen. Sie müssen mit allen Mitteln die potenziellen Kunden in ein Gespräch verwickeln – und sei es, indem sie eine Schwester erfinden, die (welch Zufall!) den gleichen Namen trägt wie die Vorbeigehende.
Die Familie kommt auch beim Handeln oft ins Spiel. Im Geschäft zeigt sich der Verkäufer unglücklich, dass seine Kinder verarmen, wenn er mit dem Preis so weit runtergeht. Im Hotel gibt es einen Preisnachlass, „den nicht einmal mein Vater bekommt, wenn er mich besucht“, sagt der Rezeptionist. Das Feilschen, das Übertreiben und Überreden, das Verdienen wollen: Wo viele Menschen hinkommen, gehört es dazu.
Wie in einem Dorf, wo sich ebenfalls viel Leben auf der Straße abspielt, ist es in den einzelnen Vierteln so gut wie ausgeschlossen, keinem Freund, Cousin oder Kollegen zu begegnen. Die Zeitungslektüre vor dem Teehaus wird für eine Plauderei unterbrochen, der Gehilfe wird ums Eck zum Zigarettenholen geschickt.
Die Anonymität der Großstadt ist in den gläsernen Geschäftsvierteln zu finden, aber auch dort kann es vorkommen, dass durch die Straßen eilende Geschäftsleute stehen bleiben, weil sie einen Bekannten getroffen haben. Ein „Merhaba“, ein Hallo und kurzes Händeschütteln reicht da nicht, ein paar Sätze muss man schon wechseln.
Im Stadtteil Sultanahmet – das viele Reisende nicht einmal verlassen, weil dort Sehenswürdigkeiten wie die Hagia Sophia oder der Große Bazar sind – gibt es vor den Lokalen eigene Kommunikationsbeauftragte. Sie sollen Touristen dazu bringen, in das Restaurant reinzukommen. Sie müssen mit allen Mitteln die potenziellen Kunden in ein Gespräch verwickeln – und sei es, indem sie eine Schwester erfinden, die (welch Zufall!) den gleichen Namen trägt wie die Vorbeigehende.
Die Familie kommt auch beim Handeln oft ins Spiel. Im Geschäft zeigt sich der Verkäufer unglücklich, dass seine Kinder verarmen, wenn er mit dem Preis so weit runtergeht. Im Hotel gibt es einen Preisnachlass, „den nicht einmal mein Vater bekommt, wenn er mich besucht“, sagt der Rezeptionist. Das Feilschen, das Übertreiben und Überreden, das Verdienen wollen: Wo viele Menschen hinkommen, gehört es dazu.
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