Die Reise von Istanbul nach Van dauert siebzehn Stunden. Manchmal auch etwas länger, wenn mehr Leute unterwegs aussteigen. Denn dazu ist keine Haltestelle nötig. Es reicht, dem Busfahrer zu sagen, er solle dich bitte an der Straßenecke irgendeines Städtchens rauslassen. Ich bin neben einer kleinen rundlichen Frau mit Kopftuch platziert worden. Freie Platzwahl gibt es im Autobus nämlich nicht. Wie für das Flugzeug werden Tickets mit Sitzplatznummern verkauft. Und wie im Flugzeug gibt es Stewards, die Tee und kalte Getränke servieren. Meine Nachbarin fängt gleich ein Gespräch mit mir an. Dass ich so gut wie gar nichts verstehe, kümmert sie nicht. Sie nestelt das Foto ihres Sohnes aus dem Geldbörsel, sagt, dass er in Ankara arbeitet und noch unverheiratet ist. Dann meint sie, es wäre auch für sie bequemer gewesen, eine Hose anzuziehen. Dabei zupft sie an meiner Jeans, um sicher zu gehen, dass ich sie verstehe. Sie ist fünfzig, hat Textilien gefertigt, Borten und Jacken gehäkelt. Dadurch sind ihre Augen schlechter geworden, jetzt ist sie pensioniert. All das erklärt sie mit viel Körpereinsatz und indem sie sich an mich lehnt. An den Raststätten biete ich ihr Zigaretten an.
Um zwei, drei in der Nacht wird es ruhig im Autobus. Die Menschen machen es sich bequem, so gut es geht, schlummern. Ein kleines Kind quengelt leise, wird aber gleich beruhigt. Eine Frau reist mit ihren zwei Söhnen. Sie sind nicht älter als acht Jahre. Geduldig schauen sie aus dem Fenster, schlafen dann aneinander geschmiegt, klagen nicht über Langeweile. Um vier Uhr beginnen drei Männer hinter mir eine Diskussion über Politik. Ich höre den Namen des Oppositionsführers.
Kurz nach fünf wird es hell. Wir kommen ans Schwarze Meer, fahren die Küste entlang. Die Straße verläuft oft nicht einmal hundert Meter vom Meer entfernt. Statt Strände zu schaffen wurden hier Straßen gebaut.
Vor der Raststätte in Terme steht die Statue einer einbrüstigen Frau, die einen Pfeil in ihren Bogen spannt. Die Amazonen sollen einer Legende nach hier gelebt haben.
Um zehn vormittags, in Trabzon, sind nur noch die wenigsten Fahrgäste übrig. Die meisten sind unterwegs ausgestiegen.
Die Reise von Trabzon nach Van dauert elf Stunden. Als der Bus wegfährt, ist es schon dunkel. Es sind viele Plätze frei, ich sitze in der Mitte des Busses, gleich beim hinteren Ausgang, wo der zweite Busfahrer oder Steward eine Schlafkoje hat. Vor Mitternacht sitzt einer von ihnen auf den Stufen vor der Koje und raucht eine Zigarette. Ob ich auch eine wolle, fragt er mich in Zeichensprache. Klar. Wir sitzen dann gemeinsam auf den Stufen und rauchen. Dann bedeutet er mir, ich soll doch in die Koje kommen. Nein. Na dann solle ich ihn doch wenigstens küssen. Neeeeeeeiiin. Nur einmal. Aber sicher nicht. Während ich flüchte, frage ich ihn, ob er spinnt. Der Mann ist an die Fünfzig und hat Zahnlücken.
Von Igdir nach Kars sind es gute hundert Kilometer. Doch die Reise dauert dreieinhalb Stunden. Der Weg führt über Berge, die vor tausenden von Jahren durch Lava geformt worden waren. Das Gestein wird auch zum Häuserbau verwendet. Wie in die Erde gebaut und so schwarz wie sie sehen die ärmlichen Dörfer mit ihren flachen Dächern am Wegesrand aus. Dazwischen grüne Felder, im Hintergrund Berge und die hügelige Weite des Landes.
Die Reise wird durch Kontrollen unterbrochen. Soldaten haben Stützpunkte aufgebaut. Der Weg verläuft entlang der Grenze zum Iran und zu Armenien, die Autos werden nach geschmuggelten Zigaretten oder alkoholischen Getränken abgesucht.
Und noch etwas, meint E.: Es ist von Kurden bewohntes Gebiet, die Menschen hier werden schlicht schikaniert. Ihnen soll das Reisen vergällt werden. Unter dem Vorwand, die PKK bekämpfen zu wollen, die in den Bergen ihre Rückzugsgebiete hat, mache die Regierung allen Menschen das Leben schwer.
Jedenfalls werden alle Fahrzeuge aufgehalten, wie an einer Grenze. Manchmal müssen die Reisenden ihr Gepäck aus dem Kofferraum des Autobusses rausholen. Dann öffnen die Soldaten jede einzelne Tasche und tasten sie ab. Es sind junge Burschen, viele gerade einmal zwanzig Jahre alt, die ihren Militärdienst hier ableisten müssen. Einer von ihnen, auf die Kontrollen angesprochen, sagt, er tue es auch nicht gern. Aber es solle halt so sein.
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Dienstag, 3. Juni 2008
Montag, 26. Mai 2008
'Auch Van aendert sich'
Van, die sagenumwobene Stadt, muss einmal ein magischer Ort gewesen sein. Auf einem Berghügel gebaut, blickte sie auf den gleichnamigen See hinunter. Rundherum erstrecken sich Berge, auf deren Gipfeln teilweise noch Ende Mai Schnee liegt. Doch die Felder darunter sind grün, Schafe finden hier genug Nahrung. In Van drängten sich Kirchen und Moscheen zwischen den niedrigen Häusern in verwinkelten Gassen. Es gibt davon eine Fotografie, die ein deutscher Architekt vor etwa hundert Jahren gemacht hat. Urartäer, Seldschuken, Perser, Osmanen, Kurden und vor allem Armenier prägten das Stadtbild. Doch 1915, als Türken und Russen um die Vorherrschaft kämpften, kam es zu einem Aufstand der Armenier. Kurz darauf wurden sie vertrieben, viele von ihnen ermordet. Die Stadt wurde niedergemacht. Nur noch Ruinen der alten Festung, ein Minarett, eine Grabstätte und ein paar Inschriften auf einem Felsen zeugen von der tausende Jahre währenden älteren Geschichte Vans.
Das neue Van wurde etwa fünf Kilometer weiter östlich neu aufgebaut. Es war auf 150.000 Menschen ausgelegt; mittlerweile ist es auf mehr als 600.000 Einwohner angeschwollen. Kurden, die im Zuge des Kampfes gegen die PKK aus ihren Dörfern vertrieben wurden, sind hier ebenso gestrandet wie iranische Flüchtlinge. Die Grenze zu ihrem Land ist gerade einmal 90 Kilometer weit entfernt.
Einen Job zu finden, ist nicht einfach. Manche Männer gehen in der Früh zu einem Treffpunkt beim Basarviertel, wo sie von Vermittlern für einen Tag angeheuert werden, um etwa auf dem Bau zu arbeiten. Manche schicken ihre Kinder zur Arbeit. So arbeiten auch dreizehnjährige als Laufburschen in Geschäften oder Restaurants. Auf der Straße bieten kleine Buben Taschentücher oder geschmuggelte Zigaretten zum Kauf an, gehen mit einer schmutzigen Waage hausieren, auf der sich potenzielle Kunden wiegen lassen können. Das meiste Leben spielt sich an der Straße der Republik ab, mit ihren Geschäften, Lokalen und Internet-Cafes. Wunderbar sind die „Frühstücks-Salons“, wo es den mit Kräutern verfeinerten Otlu-Käse, cremigen Honig, Eierspeise mit Tomaten und endlos Tee gibt.
Die Straßen sind voller Männer, die Ausländerinnen anstarren. Frauen, viele mit Kopftuch, sind weit seltener zu sehen, nach zehn Uhr abends so gut wie gar nicht. In zahlreichen Lokalen gibt es Abteilungen nur für Männer, mit Glück auch eine Sektion für Familien. Noch immer gehen viele Frauen nicht arbeiten, bleiben zu Hause mit den Kindern.
Doch auch in Van ändert sich einiges, sagt mir M., ein 28-jähriger Kunststudent. Vor fünf Jahren noch wäre das nicht möglich gewesen, erklärt er und deutet zuerst auf sein Flinserl, dann auf sein Ziegenbärtchen. Ein junges Ehepaar, das ich kurze Zeit später in einem Lokal kennenlerne, bestätigt das. „Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so einfach am Abend zusammen mit meiner Frau auf ein Bier gehen können“, versichert S.
Dennoch sind M.s fünf Schwestern – er hat auch noch zwei Brüder – alle verheiratet und Hausfrauen. Als eine auf die Universität wollte, hat der Vater es nicht erlaubt. Wozu sei das denn notwendig? M. mag seinen Vater nicht besonders, er teilt dessen Einstellung nicht. Immer dieses Beten, alles als Schicksal hinnehmen, ob Kinderzahl oder Krankheit – damit kann M. wenig anfangen. Was er allerdings nach dem Studium macht, weiß er selbst noch nicht so recht. Am liebsten sei ihm Malen und Trinken, sagt er und lacht. Doch von Van aus als Maler zu reüssieren, sei unmöglich. Die Zukunft werde es weisen. Sich aber nur aufs Schicksal verlassen – das will M. nicht.
Das neue Van wurde etwa fünf Kilometer weiter östlich neu aufgebaut. Es war auf 150.000 Menschen ausgelegt; mittlerweile ist es auf mehr als 600.000 Einwohner angeschwollen. Kurden, die im Zuge des Kampfes gegen die PKK aus ihren Dörfern vertrieben wurden, sind hier ebenso gestrandet wie iranische Flüchtlinge. Die Grenze zu ihrem Land ist gerade einmal 90 Kilometer weit entfernt.
Einen Job zu finden, ist nicht einfach. Manche Männer gehen in der Früh zu einem Treffpunkt beim Basarviertel, wo sie von Vermittlern für einen Tag angeheuert werden, um etwa auf dem Bau zu arbeiten. Manche schicken ihre Kinder zur Arbeit. So arbeiten auch dreizehnjährige als Laufburschen in Geschäften oder Restaurants. Auf der Straße bieten kleine Buben Taschentücher oder geschmuggelte Zigaretten zum Kauf an, gehen mit einer schmutzigen Waage hausieren, auf der sich potenzielle Kunden wiegen lassen können. Das meiste Leben spielt sich an der Straße der Republik ab, mit ihren Geschäften, Lokalen und Internet-Cafes. Wunderbar sind die „Frühstücks-Salons“, wo es den mit Kräutern verfeinerten Otlu-Käse, cremigen Honig, Eierspeise mit Tomaten und endlos Tee gibt.
Die Straßen sind voller Männer, die Ausländerinnen anstarren. Frauen, viele mit Kopftuch, sind weit seltener zu sehen, nach zehn Uhr abends so gut wie gar nicht. In zahlreichen Lokalen gibt es Abteilungen nur für Männer, mit Glück auch eine Sektion für Familien. Noch immer gehen viele Frauen nicht arbeiten, bleiben zu Hause mit den Kindern.
Doch auch in Van ändert sich einiges, sagt mir M., ein 28-jähriger Kunststudent. Vor fünf Jahren noch wäre das nicht möglich gewesen, erklärt er und deutet zuerst auf sein Flinserl, dann auf sein Ziegenbärtchen. Ein junges Ehepaar, das ich kurze Zeit später in einem Lokal kennenlerne, bestätigt das. „Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so einfach am Abend zusammen mit meiner Frau auf ein Bier gehen können“, versichert S.
Dennoch sind M.s fünf Schwestern – er hat auch noch zwei Brüder – alle verheiratet und Hausfrauen. Als eine auf die Universität wollte, hat der Vater es nicht erlaubt. Wozu sei das denn notwendig? M. mag seinen Vater nicht besonders, er teilt dessen Einstellung nicht. Immer dieses Beten, alles als Schicksal hinnehmen, ob Kinderzahl oder Krankheit – damit kann M. wenig anfangen. Was er allerdings nach dem Studium macht, weiß er selbst noch nicht so recht. Am liebsten sei ihm Malen und Trinken, sagt er und lacht. Doch von Van aus als Maler zu reüssieren, sei unmöglich. Die Zukunft werde es weisen. Sich aber nur aufs Schicksal verlassen – das will M. nicht.
Die Amerikaner sind schuld
Mit zwei Studenten und einem Anwalt aus Istanbul fahre ich in einem Minibus ins Sümela-Kloster, das etwa 40 Kilometer von Trabzon entfernt in einen Felshang gehauen wurde. Die Landschaft am Schwarzen Meer ist eine saftige, die Berge sind mit Wald bewachsen. Oft sind sie in Nebel getaucht, das Klima ist feucht. Es ist eine der wichtigsten Regionen für Haselnuss-Anbau in der Türkei; unweit von Trabzon gibt es sogar ein Haselnuss-Forschungsinstitut. Ö., der Chauffeur, liebt diese Gegend. Er ist hier geboren, hat aber 30 Jahre lang in Istanbul gewohnt und als Lkw-Fahrer gearbeitet. Doch dann hat er seine Wohnung verkauft und ist vor drei Jahren wieder nach Trabzon gezogen. „Hier ist die Luft besser, und die Menschen sind es auch“, sagt Ö. Hier würden Tomaten und Gurken besser gedeihen als anderswo; das Gemüse sei so gesund, dass du keine Medikamente brauchst. Und die Menschen: „Ich habe in Istanbul in 30 Jahren nur drei echte Freundschaften geschlossen. Hier aber kenne ich so viele Leute, und wir sind alle Freunde.“
Doch die Arbeitslosigkeit sei ein Problem. Wie viele Menschen können schon vom Haselnuss-Anbau leben? Auch Fischer hätten es zunehmend schwer, weil es immer weniger Fische gebe. „Hier kannst du nur als Beamter oder Lehrer arbeiten“, meint Ö. In dem Dorf etwa, wo er seine Kindheit verbracht hat, sind fast alle Lehrer.
Ö. macht mittlerweile keine langen Strecken mehr. Trabzon-Macka-Sümela: Fahrten in einem Radius von 50 Kilometern reichen ihm. Er selbst steigt ungern in einen Autobus. „In der Türkei sterben im Schnitt 50 Menschen täglich im Straßenverkehr“, erklärt er. Für lange Strecken nimmt er da lieber das Flugzeug. Der Anwalt ergänzt, dass es vor 30 Jahren noch gute Seeverbindungen gegeben hat im Schwarzen Meer. Doch dann hätten die Regierungen auf Druck der Amerikaner enorm viel Geld in den Straßenbau gesteckt, hätten den Betrieb zahlreicher Fähren eingestellt und den Ausbau des Eisenbahnnetzes völlig vernachlässigt. „Die Amerikaner“, glaubt Ö. „wollen nur, dass wir ihre Autos kaufen und bei ihnen Kredite aufnehmen.“
Die Überzeugung, dass so vieles fremdgesteuert ist, dass ihr Land von anderen Mächten beeinflusst werde, ist bei Türken immer wieder zu finden. Es ist ein guter Boden für Verschwörungstheorien. Und manche entpuppen sich sogar als wahr. Militärs planen Staatscoups – und haben schon manches Mal welche ausgeführt. Es gibt einen Geheimdienst, den es offiziell gar nicht gibt. Polizisten können dich an jeder Straßenecke aufhalten und nach deinem Ausweis fragen. Extreme Nationalisten geben Morde an kurdischen Aktivisten in Auftrag. Dass auch andere Länder mitspielen und ihre Interessen in der Türkei verfolgen, scheint da gar nicht so weit hergeholt.
Doch die Arbeitslosigkeit sei ein Problem. Wie viele Menschen können schon vom Haselnuss-Anbau leben? Auch Fischer hätten es zunehmend schwer, weil es immer weniger Fische gebe. „Hier kannst du nur als Beamter oder Lehrer arbeiten“, meint Ö. In dem Dorf etwa, wo er seine Kindheit verbracht hat, sind fast alle Lehrer.
Ö. macht mittlerweile keine langen Strecken mehr. Trabzon-Macka-Sümela: Fahrten in einem Radius von 50 Kilometern reichen ihm. Er selbst steigt ungern in einen Autobus. „In der Türkei sterben im Schnitt 50 Menschen täglich im Straßenverkehr“, erklärt er. Für lange Strecken nimmt er da lieber das Flugzeug. Der Anwalt ergänzt, dass es vor 30 Jahren noch gute Seeverbindungen gegeben hat im Schwarzen Meer. Doch dann hätten die Regierungen auf Druck der Amerikaner enorm viel Geld in den Straßenbau gesteckt, hätten den Betrieb zahlreicher Fähren eingestellt und den Ausbau des Eisenbahnnetzes völlig vernachlässigt. „Die Amerikaner“, glaubt Ö. „wollen nur, dass wir ihre Autos kaufen und bei ihnen Kredite aufnehmen.“
Die Überzeugung, dass so vieles fremdgesteuert ist, dass ihr Land von anderen Mächten beeinflusst werde, ist bei Türken immer wieder zu finden. Es ist ein guter Boden für Verschwörungstheorien. Und manche entpuppen sich sogar als wahr. Militärs planen Staatscoups – und haben schon manches Mal welche ausgeführt. Es gibt einen Geheimdienst, den es offiziell gar nicht gibt. Polizisten können dich an jeder Straßenecke aufhalten und nach deinem Ausweis fragen. Extreme Nationalisten geben Morde an kurdischen Aktivisten in Auftrag. Dass auch andere Länder mitspielen und ihre Interessen in der Türkei verfolgen, scheint da gar nicht so weit hergeholt.
Aus der Provinz
Auf der einen Seite das Schwarze Meer, auf der anderen die Ausläufer des Pontischen Gebirges: In einem Halbrund erstreckt sich die nordtürkische Hafenstadt Trabzon mit ihren rund 200.000 Einwohnern. Mehrstöckige moderne Apartmenthäuser schmiegen sich aneinander und die Hänge empor. Tiefer gelegen ist die Altstadt; sie ist vom Terrassencafe im sechsten Stock eines gläsernen Bürogebäudes am Atatürk-Platz ebenso zu sehen wie schneebedeckte Berggipfel in der Ferne.
Trabzon versprüht den Charme einer Provinzhauptstadt. Einige alte Häuser sind renoviert und herausgeputzt. Die Ayasofya mit ihren Fresken und dem angeblich einzigen auf türkischem Boden verbliebenen byzantinischen Kirchenturm liegt in einem gepflegten Garten. Im Park sitzen Männer vor Teehäusern auf Plastiksesseln; in der Fußgängerzone flanieren junge Mädchen mit auf die Kleidung farblich abgestimmten Kopftüchern. Nach dem Unterricht schlendern 14-jährige in ihren Schuluniformen durch die Straßen; Laufburschen aus den Restaurants tragen auf Tabletts Teller mit Essen in danebenliegende Geschäfte.
Und dann gibt es noch die Billigabsteigen in Hafennähe, die vorwiegend als Stundenhotels genutzt werden. Etliche Frauen aus Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken arbeiten hier als Prostituierte. Um fünf in der Früh gehen sie müde heim, kaufen noch schnell im Kiosk ums Eck Zigaretten und wechseln ein paar Sätze auf Türkisch mit dem Verkäufer.
Unter den historischen Brücken, in den Gräben zwischen den alten Stadtmauern ducken sich ärmliche Viertel, die teilweise schon großzügig angelegten Parkanlagen weichen mussten. Kinder in abgetragenen Kleidern spielen auf Schotterhaufen zwischen den verfallenden Häusern, über deren flachen Dächern Wäscheleinen gespannt sind. S. wird mir später entrüstet erklären, dass die Menschen dort teilweise nicht einmal türkisch können, sondern nur kurdisch.
Keiner der Studenten, die ich kennenlerne, mag Trabzon. Warum aber, können sie mir nicht so recht erklären. Es hat sie aus Gaziantep, Ankara oder Adana an die Karadeniz Technische Universität verschlagen. Sie sind entweder hier, weil einige Fakultäten der Hochschule – wo an die 45.000 Studenten inskribiert sind – einen guten Ruf genießen oder weil die Punktezahl bei der Aufnahmeprüfung nicht für eine andere Universität gereicht hat. S., eine hübsche quirlige Mathematik-Studentin, die oft und laut lacht, warnt mich vor den Männern in Trabzon. Die in kleinen Grüppchen Herumziehenden und in die Gegend Stierenden nennt sie Haie. M. wiederum, der Maschinenbau studiert, findet, die Stadt sei vor allem eines: fad.
Auf dem Balkon aber sitzen die Studenten gern. So nennen sie die halbrunden betonierten Flächen im Park auf dem Campusgelände. Als wir zu sechst nach einem Open-Air-Konzert vor der Universität dorthin kommen, ist es nach Mitternacht. Von dem kleinen Hang aus beobachten wir die letzten Flugzeuge, die auf der Landebahn gegenüber dem Campus aufsetzen. Hinter den Lichterketten des Flughafens ist die Dunkelheit des Meeres. S. stimmt ein türkisches Lied an, die anderen schließen sich an. Es folgen die nächsten schwermütigen Weisen. Wieder einmal handeln die meisten von Liebe.
Trabzon versprüht den Charme einer Provinzhauptstadt. Einige alte Häuser sind renoviert und herausgeputzt. Die Ayasofya mit ihren Fresken und dem angeblich einzigen auf türkischem Boden verbliebenen byzantinischen Kirchenturm liegt in einem gepflegten Garten. Im Park sitzen Männer vor Teehäusern auf Plastiksesseln; in der Fußgängerzone flanieren junge Mädchen mit auf die Kleidung farblich abgestimmten Kopftüchern. Nach dem Unterricht schlendern 14-jährige in ihren Schuluniformen durch die Straßen; Laufburschen aus den Restaurants tragen auf Tabletts Teller mit Essen in danebenliegende Geschäfte.
Und dann gibt es noch die Billigabsteigen in Hafennähe, die vorwiegend als Stundenhotels genutzt werden. Etliche Frauen aus Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken arbeiten hier als Prostituierte. Um fünf in der Früh gehen sie müde heim, kaufen noch schnell im Kiosk ums Eck Zigaretten und wechseln ein paar Sätze auf Türkisch mit dem Verkäufer.
Unter den historischen Brücken, in den Gräben zwischen den alten Stadtmauern ducken sich ärmliche Viertel, die teilweise schon großzügig angelegten Parkanlagen weichen mussten. Kinder in abgetragenen Kleidern spielen auf Schotterhaufen zwischen den verfallenden Häusern, über deren flachen Dächern Wäscheleinen gespannt sind. S. wird mir später entrüstet erklären, dass die Menschen dort teilweise nicht einmal türkisch können, sondern nur kurdisch.
Keiner der Studenten, die ich kennenlerne, mag Trabzon. Warum aber, können sie mir nicht so recht erklären. Es hat sie aus Gaziantep, Ankara oder Adana an die Karadeniz Technische Universität verschlagen. Sie sind entweder hier, weil einige Fakultäten der Hochschule – wo an die 45.000 Studenten inskribiert sind – einen guten Ruf genießen oder weil die Punktezahl bei der Aufnahmeprüfung nicht für eine andere Universität gereicht hat. S., eine hübsche quirlige Mathematik-Studentin, die oft und laut lacht, warnt mich vor den Männern in Trabzon. Die in kleinen Grüppchen Herumziehenden und in die Gegend Stierenden nennt sie Haie. M. wiederum, der Maschinenbau studiert, findet, die Stadt sei vor allem eines: fad.
Auf dem Balkon aber sitzen die Studenten gern. So nennen sie die halbrunden betonierten Flächen im Park auf dem Campusgelände. Als wir zu sechst nach einem Open-Air-Konzert vor der Universität dorthin kommen, ist es nach Mitternacht. Von dem kleinen Hang aus beobachten wir die letzten Flugzeuge, die auf der Landebahn gegenüber dem Campus aufsetzen. Hinter den Lichterketten des Flughafens ist die Dunkelheit des Meeres. S. stimmt ein türkisches Lied an, die anderen schließen sich an. Es folgen die nächsten schwermütigen Weisen. Wieder einmal handeln die meisten von Liebe.
Sonntag, 18. Mai 2008
Türkische Maenner und auslaendische Frauen
Neben den politischen und wirtschaftlichen Aspekten gibt es da noch eine Frage, die mich beschäftigt: Warum glauben so viele türkische Männer, dass die meisten Ausländerinnen Schlampen sind? A. hat eine interessante Theorie entwickelt: Im Harem des Sultans waren viele Sklavinnen zu finden. Doch muslimische Frauen durften nicht versklavt werden, also waren es zum Beispiel Griechinnen. Vielleicht rührt das sexuelle Interesse an Ausländerinnen noch aus der Zeit? Doch A. ist eine Frau, und daher ist ihre Erklärung eine rationale. Um die – nennen wir’s – Emotionen zu ergründen, habe ich eine kleine Umfrage unter türkischen Männern gestartet.
O., ein Architekt, der sich eine Ukrainerin zur Frau genommen hat (die seit ihrer Ankunft in Istanbul ziemlich unglücklich ist, weil sie bei seinen Eltern wohnen muss und alleine so gut wie gar nicht außer Haus gehen soll), findet: „Mit Ausländerinnen ist es leichter. Türkische Frauen sind komplizierter: Wir geben alles für sie, und sie erhören uns nicht.“ Heißt das, Ausländerinnen seien leichter zu haben? Nein, nein, so habe er das nicht gemeint, dementiert O. Türkische Männer stieren Frauen halt an.
S., der in einer Bank arbeitet, sieht die fehlende Bildung als Ursache. Wenn die Menschen gebildeter sind, Bücher lesen, ins Kino gehen, reisen und mehr kennenlernen als ihre kleine Welt, dann entwickeln sie auch ein normaleres Verhältnis zu Leuten aus anderen Ländern. Und kurze Zeit später legt S., der Bücher liest, ins Kino geht und reist, mir seine Hand auf den Oberschenkel.
B. wiederum, ein Musiker mit Hang zu Esoterik, erklärt mir, dass ich schon selber wie eine türkische Frau klinge. Ich würde nämlich ebenfalls so viel hinterfragen, obwohl doch den Menschen etwas mehr Naivität gut tun würde. Dann aber versucht B. doch, eine Antwort auf meine Frage zu finden. Türken hätten teilweise einen Sexualkomplex, sagt er. Einerseits mühen sie sich, westliche Muster anzunehmen, auf der anderen Seite aber sind sie in alten Strukturen gefangen. Sie wollen, können aber nicht so, wie sie möchten. Außerdem war in der osmanischen Zeit Vielweiberei gang und gäbe. Das wirke noch fort. Ist zwar keine Entschuldigung, würde aber A.s historische Theorie unterstützen.
M. jedoch, ein Kellner, der seine Berufung in der Schauspielerei sieht und „nur übergangsweise“ in einer Bar arbeitet, meint, es sei gar nicht so. Keinesfalls würden Ausländerinnen alle als Schlampen angesehen. Dann schaut er mir tief in die Augen und fragt, ob ich mit zu ihm komme.
O., ein Architekt, der sich eine Ukrainerin zur Frau genommen hat (die seit ihrer Ankunft in Istanbul ziemlich unglücklich ist, weil sie bei seinen Eltern wohnen muss und alleine so gut wie gar nicht außer Haus gehen soll), findet: „Mit Ausländerinnen ist es leichter. Türkische Frauen sind komplizierter: Wir geben alles für sie, und sie erhören uns nicht.“ Heißt das, Ausländerinnen seien leichter zu haben? Nein, nein, so habe er das nicht gemeint, dementiert O. Türkische Männer stieren Frauen halt an.
S., der in einer Bank arbeitet, sieht die fehlende Bildung als Ursache. Wenn die Menschen gebildeter sind, Bücher lesen, ins Kino gehen, reisen und mehr kennenlernen als ihre kleine Welt, dann entwickeln sie auch ein normaleres Verhältnis zu Leuten aus anderen Ländern. Und kurze Zeit später legt S., der Bücher liest, ins Kino geht und reist, mir seine Hand auf den Oberschenkel.
B. wiederum, ein Musiker mit Hang zu Esoterik, erklärt mir, dass ich schon selber wie eine türkische Frau klinge. Ich würde nämlich ebenfalls so viel hinterfragen, obwohl doch den Menschen etwas mehr Naivität gut tun würde. Dann aber versucht B. doch, eine Antwort auf meine Frage zu finden. Türken hätten teilweise einen Sexualkomplex, sagt er. Einerseits mühen sie sich, westliche Muster anzunehmen, auf der anderen Seite aber sind sie in alten Strukturen gefangen. Sie wollen, können aber nicht so, wie sie möchten. Außerdem war in der osmanischen Zeit Vielweiberei gang und gäbe. Das wirke noch fort. Ist zwar keine Entschuldigung, würde aber A.s historische Theorie unterstützen.
M. jedoch, ein Kellner, der seine Berufung in der Schauspielerei sieht und „nur übergangsweise“ in einer Bar arbeitet, meint, es sei gar nicht so. Keinesfalls würden Ausländerinnen alle als Schlampen angesehen. Dann schaut er mir tief in die Augen und fragt, ob ich mit zu ihm komme.
Freitag, 11. April 2008
Philosophie zum Bier
Philosophie ist für einen Muslim nichts gutes, befand einst ein islamischer Gelehrter. Kein Wunder, dass sich auf diesem Gebiet in den letzten paar hundert Jahren mehr in Europa getan hat als im islamischen Raum. Mein neuer Bekannter U., der mir das erklärt, wirft gleich ein paar Namen dazu: Descartes, Hobbes oder Kant etwa. Wir sitzen bei einem Bier in der menschenumtosten Nevizade-Straße und sind vom Kellner schon zweimal umgesetzt worden, weil in dem winzigen Schanigarten Platz für eine größere Gruppe zu schaffen war.
U. ist ein entzückender junger Mann, der Philosophie studiert hat, sich jetzt aber mehr mit Wirtschaft beschäftigt, als Sportjournalist arbeitet und seine Freizeit – im Normalfall – gern mit seinen Eltern sowie Geschwistern verbringt. Sein Studium habe ihn von der Religion entfernt, sagt er. Er sei zwar weiterhin Muslim, aber kein strenger, fast schon an der Grenze zum Atheismus. „Muslim ja, aber…“ ist im übrigen in der Türkei immer wieder zu hören, vor allem in den Städten, wo nicht nur Arm und Reich aufeinanderprallen sondern auch verschiedene Volksgruppen mit ihren Kulturen, Jugendliche aber gleichzeitig den Stars in den Musikvideos mehr abschauen als traditionelleren Vorbildern. U. ist ein hübsches Beispiel für die Durchmischung in dem Land. Sein Vater ist Kurde, seine Mutter kommt aus Aserbaidschan. Doch selbst er sagt voller Überzeugung: „Von Minderheiten in der Türkei zu sprechen ist Blödsinn. Wir sind doch alle Türken.“ Diese Ein-Staat-ein-Volk-Ideologie wird den Kindern ab ihrem ersten Schuljahr vermittelt. Sie soll das Einigende in einem Land sein, das auf der Suche nach seiner Identität seit 80 Jahren zwischen Ost und West schwankt; das sich die – keinesfalls von allen gewünschte – „Verwestlichung“ auf die Fahnen geschrieben hat. Sie ist eine Philosophierichtung für sich.
U. ist ein entzückender junger Mann, der Philosophie studiert hat, sich jetzt aber mehr mit Wirtschaft beschäftigt, als Sportjournalist arbeitet und seine Freizeit – im Normalfall – gern mit seinen Eltern sowie Geschwistern verbringt. Sein Studium habe ihn von der Religion entfernt, sagt er. Er sei zwar weiterhin Muslim, aber kein strenger, fast schon an der Grenze zum Atheismus. „Muslim ja, aber…“ ist im übrigen in der Türkei immer wieder zu hören, vor allem in den Städten, wo nicht nur Arm und Reich aufeinanderprallen sondern auch verschiedene Volksgruppen mit ihren Kulturen, Jugendliche aber gleichzeitig den Stars in den Musikvideos mehr abschauen als traditionelleren Vorbildern. U. ist ein hübsches Beispiel für die Durchmischung in dem Land. Sein Vater ist Kurde, seine Mutter kommt aus Aserbaidschan. Doch selbst er sagt voller Überzeugung: „Von Minderheiten in der Türkei zu sprechen ist Blödsinn. Wir sind doch alle Türken.“ Diese Ein-Staat-ein-Volk-Ideologie wird den Kindern ab ihrem ersten Schuljahr vermittelt. Sie soll das Einigende in einem Land sein, das auf der Suche nach seiner Identität seit 80 Jahren zwischen Ost und West schwankt; das sich die – keinesfalls von allen gewünschte – „Verwestlichung“ auf die Fahnen geschrieben hat. Sie ist eine Philosophierichtung für sich.
Zimmer mit Ausblick
Der Ausblick hat mich blind für alles andere gemacht. Von dem winzigen Balkon aus ist halb Istanbul zu sehen, fast bis zum Bosporus. Das Häusermeer ist auf der einen Seite, auf der anderen schaue ich vom fünften Stock in die engen Gassen von Beyoglu hinunter. Ich sehe die gelben Taxis, die sich in der Nacht mitten auf der Straße zu einer Schlange auffädeln; die kleinen Geschäfte, die Getränke und Zigaretten, Reinigungsmittel oder noch warmes Weißbrot verkaufen; die Straßenhändler, die ihre Handkarren schieben; die Lokale vor denen niedrige Tischchen stehen und die Menschen, die untertags vorbeieilen und am Abend herumschlendern. Auch das Zimmer ist nett mit seiner Dachschräge und in warme Farben getaucht. Und es ist sauber. Nach all den Absteigen, die ich gesehen habe und die schon für zehn Euro die Nacht zu haben sind, stört es mich kaum, dass die Duschkabinentür mir vielleicht bald entgegenfliegt oder der Vorhang etwas zerrissen ist. Das mit dem Schlafen habe ich mir sowieso schon abgeschminkt, vom Zimmer neben der Baustelle bin ich halt mitten ins Weggeh-Viertel gezogen. Immerhin wird das Gehupe um vier in der Nacht etwas weniger; bleiben dann drei, vier Stunden, bevor es wieder voll losgeht.
Allerdings habe ich schon drei Mitbewohner getötet: zwei Ameisen und eine Schabe. Dass es eine Schabe war, nehme ich zumindest an. Diese Frage diskutierte ich in der Nacht mit dem Patron des Hotels, der mit einer Wow-Blondine auf einen Whiskey vorbeigekommen ist. Selbstverständlich sprachen wir türkisch. Zuerst erklärte ich ihm in fluent turkish, dass im Zimmer „Leben“ ist. Dann erinnerte ich mich an das Vokabel für „Tiergarten“. „Hayat“ und „Hayvanat“ liegen ja wirklich nahe zusammen. Danach bückte ich mich und zeigte mit den Fingern auf dem Boden Schritte an. Schließlich zeichnete ich das Tier in meinem Lehrbuch auf. Die Begleiterin des Patrons hat viel schneller begriffen als er. Am Ende klärten wir noch ab, welche Farbe das Insekt hatte: braun, nicht schwarz. Danach waren wir alle sehr zufrieden, dass wir uns so gut verstanden haben und rauchten eine letzte Zigarette. Das muss doch reichen.
Allerdings habe ich schon drei Mitbewohner getötet: zwei Ameisen und eine Schabe. Dass es eine Schabe war, nehme ich zumindest an. Diese Frage diskutierte ich in der Nacht mit dem Patron des Hotels, der mit einer Wow-Blondine auf einen Whiskey vorbeigekommen ist. Selbstverständlich sprachen wir türkisch. Zuerst erklärte ich ihm in fluent turkish, dass im Zimmer „Leben“ ist. Dann erinnerte ich mich an das Vokabel für „Tiergarten“. „Hayat“ und „Hayvanat“ liegen ja wirklich nahe zusammen. Danach bückte ich mich und zeigte mit den Fingern auf dem Boden Schritte an. Schließlich zeichnete ich das Tier in meinem Lehrbuch auf. Die Begleiterin des Patrons hat viel schneller begriffen als er. Am Ende klärten wir noch ab, welche Farbe das Insekt hatte: braun, nicht schwarz. Danach waren wir alle sehr zufrieden, dass wir uns so gut verstanden haben und rauchten eine letzte Zigarette. Das muss doch reichen.
Zu viele "ü"
Sprachunterricht zu geben muss ziemlich nervenaufreibend sein. Zu viert sitzen wir Neslihan gegenüber, die sich unser Gestammel anhört. „Ütülülüjejeüjüejiüjü“ jammern wir. Rauskommen soll: „Ütüleyeyim mi?“ und „ütülemeyelim“ – „Soll ich bügeln?“ und „Lasst uns nicht bügeln.“ Intensiv sollte es ja sein. Aber gleich so? Im Türkisch-Kurs wird tatsächlich nur Türkisch gesprochen. Neben mir nehmen noch eine Ukrainerin, eine Russin und eine Chinesin am Unterricht teil. Sie alle sind nach Istanbul gezogen, weil ihre Männer hier Arbeit angenommen haben. In den Pausen sprechen die Ukrainerin und die Russin miteinander russisch, die Chinesin und ich lächeln einander an, versuchen es mit türkisch und kehren dann zum lächeln zurück. Am dritten Tag habe ich allerdings ein Erfolgserlebnis: Ich warte vor dem besetzten Klo, eine andere Frau kommt dazu. Ihre Frage verstehe ich – und das auf Anhieb: „Warten Sie?“ Ich nicke glücklich.
Sonntag, 6. April 2008
Reden über Politik
„Du bist allein? Setz dich zu uns!“ Als Frau allein in Ruhe ein Bier zu trinken, ist auch in Istanbul nicht immer einfach. Schon sitzt du an einem Tisch mit drei Sportjournalisten und der eine erklärt dir, wie nett dich der andere findet. Um abzulenken, kannst du von Fußball reden – oder von Politik. Bei beiden Themen wallen die Gefühle auf. Das erste ist durchaus positiv und mit Stolz durchtränkt: Immerhin hat das Istanbuler Team Fenerbahce erst vor wenigen Tagen Chelsea geschlagen. Bei der Politik aber – uffuffuff, wie manche Türken seufzen. Die drei Männer sind Kemalisten, und auch darauf verweisen sie mit Stolz. „Wenn du an die Türkei denkst: Welcher große Name fällt dir als erster ein?“ fragt C. Und antwortet gleich selbst: Mustafa Kemal Atatürk. Für den würde er sein Leben hingeben, sagt er. C. ist 26 Jahre alt, und er würde für Atatürk sterben. Der Republikgründer ist seit 70 Jahren tot, aber weiterhin allgegenwärtig – nicht nur deswegen, weil sein Porträt in allen öffentlichen Räumen zu sehen ist sowie auf allen Geldmünzen und –scheinen prangt. An seiner Person werden auch unzählige politische Debatten aufgehängt. Für manche Kemalisten ist dabei die Argumentation recht einfach: Sie hüten die Prinzipien von Säkularismus und Modernisierung, wie es Atatürk aufgetragen hat. Sie formulieren es auch so. Die regierende Partei AKP hingegen verrät diese Leitlinien. Das Kopftuch-Verbot an Universitäten soll fallen? „Das ist für uns absolut unakzeptabel“, stellt C. klar. „Wir sind nicht der Iran“, fügt U. hinzu. „Wir werden das nicht zulassen.“
U. hat auch eine Erklärung dafür, warum fast die Hälfte der Türken die AKP gewählt hat. „Die Leute sind wie Schafe. Sie folgen dem, der sie ruft. Viele haben keine Bildung, noch dazu sind ihre Stimmen gekauft.“
A. hat sich während der Diskussion stark aufs Biertrinken konzentriert und will die Debatte abschließen: „Scheiß auf die Politik.“ Ein Lokalwechsel steht an.
U. hat auch eine Erklärung dafür, warum fast die Hälfte der Türken die AKP gewählt hat. „Die Leute sind wie Schafe. Sie folgen dem, der sie ruft. Viele haben keine Bildung, noch dazu sind ihre Stimmen gekauft.“
A. hat sich während der Diskussion stark aufs Biertrinken konzentriert und will die Debatte abschließen: „Scheiß auf die Politik.“ Ein Lokalwechsel steht an.
Die naechstgelegene Baustelle
Schlafen ist in Istanbul zum Abgewöhnen. Nicht nur wegen der Lokale, der kleinen Kneipen und feinen Clubs, die es unmöglich machen einfach am Abend heimzugehen, selbst wenn der beste Vorsatz da ist. Nicht nur wegen des Verkehrslärms und des Gehupes, das schon so früh beginnt, dass es verwunderlich ist, wie viele Menschen schon wach sind. Auch wegen der Bauarbeiten. Die können gar kein Ende nehmen in einer Stadt, die ständig wächst. Die nächstgelegene Baustelle ist fünf Meter von meinem Hotelzimmer entfernt. Ein altes Gebäude wurde abgerissen, ein neues muss her. Gebaggert wird auch in der Samstagnacht, um Mitternacht, um eins, um zwei. Das Schürfen in der Erde, das Piepsen des zurücksetzenden Lkw, die Schreie an den Fahrer „Gel, gel!“ – „Komm!“: Es ist unentwegt zu hören.
Am Sonntag Vormittag ist die Baustelle eine der größeren Attraktionen in den umliegenden zwei, drei Gassen. Ein halbes Dutzend Männer sieht den Arbeiten zu, raucht Zigaretten, kommentiert. Ein Page aus einem der umliegenden Hotels steht in seiner rotgoldenen Uniform vor einem Steinhaufen. Einer aus dem Publikum hilft ein paar Bretter über die Baustelle zu tragen, ein anderer legt mit Hand an, um die schwere Plastikplane zu befestigen, die über den mit Erde befüllten Lkw gelegt wird. Auf einmal fängt es an zu nieseln. Behäbig gehen die Männer auseinander, ohne Eile schlendern sie weiter, die Hände in den Hosentaschen. Die kleinen Teehäuser füllen sich.
Am Sonntag Vormittag ist die Baustelle eine der größeren Attraktionen in den umliegenden zwei, drei Gassen. Ein halbes Dutzend Männer sieht den Arbeiten zu, raucht Zigaretten, kommentiert. Ein Page aus einem der umliegenden Hotels steht in seiner rotgoldenen Uniform vor einem Steinhaufen. Einer aus dem Publikum hilft ein paar Bretter über die Baustelle zu tragen, ein anderer legt mit Hand an, um die schwere Plastikplane zu befestigen, die über den mit Erde befüllten Lkw gelegt wird. Auf einmal fängt es an zu nieseln. Behäbig gehen die Männer auseinander, ohne Eile schlendern sie weiter, die Hände in den Hosentaschen. Die kleinen Teehäuser füllen sich.
Nicht kommunizieren geht nicht
Diese Stadt ist nicht zu fassen. Istanbul, der Kosmos mit seinen 15, vielleicht auch 20 Millionen Einwohnern, mit seinen osmanischen Legenden, seinen Verfallserscheinungen und dem gierigen Wachstum, den Klischees rund um den Orientexpress und die Hippies, die in den 60er-Jahren hier auf ihrem Weg nach Indien Halt machten. Im Grunde ist es aber auch eine Ansammlung vieler Städtchen und vieler kleiner Geschichten. Und gäbe es eine Steigerungsform von unmöglich, wäre es in Istanbul unmöglicher nicht zu kommunizieren als in vielen anderen Städten.
Wie in einem Dorf, wo sich ebenfalls viel Leben auf der Straße abspielt, ist es in den einzelnen Vierteln so gut wie ausgeschlossen, keinem Freund, Cousin oder Kollegen zu begegnen. Die Zeitungslektüre vor dem Teehaus wird für eine Plauderei unterbrochen, der Gehilfe wird ums Eck zum Zigarettenholen geschickt.
Die Anonymität der Großstadt ist in den gläsernen Geschäftsvierteln zu finden, aber auch dort kann es vorkommen, dass durch die Straßen eilende Geschäftsleute stehen bleiben, weil sie einen Bekannten getroffen haben. Ein „Merhaba“, ein Hallo und kurzes Händeschütteln reicht da nicht, ein paar Sätze muss man schon wechseln.
Im Stadtteil Sultanahmet – das viele Reisende nicht einmal verlassen, weil dort Sehenswürdigkeiten wie die Hagia Sophia oder der Große Bazar sind – gibt es vor den Lokalen eigene Kommunikationsbeauftragte. Sie sollen Touristen dazu bringen, in das Restaurant reinzukommen. Sie müssen mit allen Mitteln die potenziellen Kunden in ein Gespräch verwickeln – und sei es, indem sie eine Schwester erfinden, die (welch Zufall!) den gleichen Namen trägt wie die Vorbeigehende.
Die Familie kommt auch beim Handeln oft ins Spiel. Im Geschäft zeigt sich der Verkäufer unglücklich, dass seine Kinder verarmen, wenn er mit dem Preis so weit runtergeht. Im Hotel gibt es einen Preisnachlass, „den nicht einmal mein Vater bekommt, wenn er mich besucht“, sagt der Rezeptionist. Das Feilschen, das Übertreiben und Überreden, das Verdienen wollen: Wo viele Menschen hinkommen, gehört es dazu.
Wie in einem Dorf, wo sich ebenfalls viel Leben auf der Straße abspielt, ist es in den einzelnen Vierteln so gut wie ausgeschlossen, keinem Freund, Cousin oder Kollegen zu begegnen. Die Zeitungslektüre vor dem Teehaus wird für eine Plauderei unterbrochen, der Gehilfe wird ums Eck zum Zigarettenholen geschickt.
Die Anonymität der Großstadt ist in den gläsernen Geschäftsvierteln zu finden, aber auch dort kann es vorkommen, dass durch die Straßen eilende Geschäftsleute stehen bleiben, weil sie einen Bekannten getroffen haben. Ein „Merhaba“, ein Hallo und kurzes Händeschütteln reicht da nicht, ein paar Sätze muss man schon wechseln.
Im Stadtteil Sultanahmet – das viele Reisende nicht einmal verlassen, weil dort Sehenswürdigkeiten wie die Hagia Sophia oder der Große Bazar sind – gibt es vor den Lokalen eigene Kommunikationsbeauftragte. Sie sollen Touristen dazu bringen, in das Restaurant reinzukommen. Sie müssen mit allen Mitteln die potenziellen Kunden in ein Gespräch verwickeln – und sei es, indem sie eine Schwester erfinden, die (welch Zufall!) den gleichen Namen trägt wie die Vorbeigehende.
Die Familie kommt auch beim Handeln oft ins Spiel. Im Geschäft zeigt sich der Verkäufer unglücklich, dass seine Kinder verarmen, wenn er mit dem Preis so weit runtergeht. Im Hotel gibt es einen Preisnachlass, „den nicht einmal mein Vater bekommt, wenn er mich besucht“, sagt der Rezeptionist. Das Feilschen, das Übertreiben und Überreden, das Verdienen wollen: Wo viele Menschen hinkommen, gehört es dazu.
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