„Du bist allein? Setz dich zu uns!“ Als Frau allein in Ruhe ein Bier zu trinken, ist auch in Istanbul nicht immer einfach. Schon sitzt du an einem Tisch mit drei Sportjournalisten und der eine erklärt dir, wie nett dich der andere findet. Um abzulenken, kannst du von Fußball reden – oder von Politik. Bei beiden Themen wallen die Gefühle auf. Das erste ist durchaus positiv und mit Stolz durchtränkt: Immerhin hat das Istanbuler Team Fenerbahce erst vor wenigen Tagen Chelsea geschlagen. Bei der Politik aber – uffuffuff, wie manche Türken seufzen. Die drei Männer sind Kemalisten, und auch darauf verweisen sie mit Stolz. „Wenn du an die Türkei denkst: Welcher große Name fällt dir als erster ein?“ fragt C. Und antwortet gleich selbst: Mustafa Kemal Atatürk. Für den würde er sein Leben hingeben, sagt er. C. ist 26 Jahre alt, und er würde für Atatürk sterben. Der Republikgründer ist seit 70 Jahren tot, aber weiterhin allgegenwärtig – nicht nur deswegen, weil sein Porträt in allen öffentlichen Räumen zu sehen ist sowie auf allen Geldmünzen und –scheinen prangt. An seiner Person werden auch unzählige politische Debatten aufgehängt. Für manche Kemalisten ist dabei die Argumentation recht einfach: Sie hüten die Prinzipien von Säkularismus und Modernisierung, wie es Atatürk aufgetragen hat. Sie formulieren es auch so. Die regierende Partei AKP hingegen verrät diese Leitlinien. Das Kopftuch-Verbot an Universitäten soll fallen? „Das ist für uns absolut unakzeptabel“, stellt C. klar. „Wir sind nicht der Iran“, fügt U. hinzu. „Wir werden das nicht zulassen.“
U. hat auch eine Erklärung dafür, warum fast die Hälfte der Türken die AKP gewählt hat. „Die Leute sind wie Schafe. Sie folgen dem, der sie ruft. Viele haben keine Bildung, noch dazu sind ihre Stimmen gekauft.“
A. hat sich während der Diskussion stark aufs Biertrinken konzentriert und will die Debatte abschließen: „Scheiß auf die Politik.“ Ein Lokalwechsel steht an.
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